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In der Nacht zum 21. Dezember 1954 saß in einem Vorort von Chicago eine kleine Gruppe von Menschen zusammen und wartete auf das Ende der Welt. Sie hatten gute Gründe, daran zu glauben. Ihre Anführerin, eine Hausfrau namens Dorothy Martin, empfing seit Monaten Botschaften von höheren Wesen vom Planeten Clarion, die ihr per automatischem Schreiben die Hand führten. Die Botschaften waren eindeutig. Vor Tagesanbruch werde eine gewaltige Flut weite Teile der Erde verschlingen. Kurz vor Mitternacht aber werde ein Raumschiff kommen und die Gläubigen in Sicherheit bringen.
Manche von ihnen hatten dafür alles aufgegeben. Sie hatten ihre Jobs gekündigt, ihr Erspartes ausgegeben, ihren Besitz verschenkt. Einer hatte seine Frau zurückgelassen, die nicht mitkommen wollte. In dieser Nacht saßen sie zusammen und bereiteten sich auf die Abholung vor. Auf Anweisung der Wesen entfernten sie alles Metallene von ihren Körpern, Reißverschlüsse, BH-Verschlüsse, die Ösen aus den Schuhen, damit es an Bord keine Probleme gäbe.
Dann wurde es Mitternacht, und nichts geschah. Die Uhr an der Wand zeigte fünf nach zwölf, immer noch kein Besucher. Jemand bemerkte, eine zweite Uhr im Raum gehe noch nicht ganz so weit, vielleicht stimme die. Man einigte sich darauf, dass es eigentlich erst kurz vor Mitternacht sei, und wartete weiter. Die Minuten dehnten sich. Um zwei, um drei, um vier Uhr saß die Gruppe noch immer da, frierend und schweigend, und versuchte zu begreifen, warum die Welt nicht unterging und das Raumschiff nicht kam.
Gegen Viertel vor fünf griff Dorothy Martin wieder zu Stift und Papier. Diesmal lautete die Botschaft: Die kleine Gruppe habe in dieser Nacht so viel Licht und Glauben ausgestrahlt, dass Gott die Welt verschont habe. Das Ausbleiben der Flut war für sie kein Zeichen, dass sie sich getäuscht hatten. Es war der Beweis, dass ihr Glaube gewirkt hatte. Die Katastrophe, die nicht eintrat, wurde zur Bestätigung dafür, dass sie die ganze Zeit recht gehabt hatten.
Und dann geschah etwas, das man am wenigsten erwartet hätte. Die Gruppe, die bis dahin Wert darauf gelegt hatte, unter sich zu bleiben, und Journalisten abgewiesen hatte, ging plötzlich an die Öffentlichkeit. Sie riefen Zeitungen an, gaben Interviews, wollten ihre Botschaft jetzt mit aller Kraft verbreiten. Je deutlicher die Vorhersage gescheitert war, desto eifriger missionierten sie.
Drei, die nicht an Clarion glaubten
Unter den Gläubigen in jenem Wohnzimmer saßen drei Menschen, die kein Wort von Clarion glaubten. Der Sozialpsychologe Leon Festinger hatte mit zwei Kollegen die Gruppe Wochen zuvor unterwandert, getarnt als ganz normale Anhänger. Sie waren nicht wegen der Rettung da. Sie wollten aus nächster Nähe beobachten, was mit einer Überzeugung geschieht, wenn die Wirklichkeit ihr unmissverständlich widerspricht.
Festinger hatte den Verlauf des Abends vorhergesagt, bis hin zum Missionierungseifer. Er erwartete, dass die Anhänger ihren Glauben nach dem Scheitern erst recht festhalten würden, statt ihn fallen zu lassen. Dahinter steckte eine Idee, die er kurz darauf zur Theorie der kognitiven Dissonanz ausbaute und die zu den folgenreichsten der Psychologie des 20. Jahrhunderts gehört. Sie beschreibt den unangenehmen Spannungszustand, der entsteht, wenn zwei Dinge, die wir für wahr halten, nicht zusammenpassen. Ich habe mein ganzes Leben auf diese Prophezeiung gesetzt. Und die Prophezeiung war falsch. Diese beiden Gedanken nebeneinander hält man kaum aus.
Es gäbe einen einfachen Weg, die Spannung zu lösen: den Irrtum eingestehen und den Glauben aufgeben. Genau das tun Menschen aber am seltensten, besonders dann, wenn sie viel investiert haben. Den Glauben aufzugeben hieße ja, sich einzugestehen, dass man Job, Geld und Ehe für nichts hingegeben hat. Diese Erkenntnis ist noch schwerer zu ertragen als die widerlegte Prophezeiung selbst. Also bleibt der andere Weg. Man lässt die Überzeugung stehen und biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, dass beide wieder zueinanderpassen. Die Flut blieb aus, weil der Glaube sie abgewendet hat, und schon fügt sich das Bild wieder.
Ein Dollar für eine kleine Lüge
Man könnte das für die Verirrung von Fanatikern halten, für etwas, das mit dem eigenen, nüchternen Kopf nichts zu tun hat. Ein paar Jahre später zeigte Festinger mit einem schlichten Experiment, dass derselbe Mechanismus in ganz gewöhnlichen Köpfen läuft.
Er ließ Studenten eine Stunde lang eine quälend langweilige Aufgabe erledigen. Holzspulen in ein Tablett räumen, es wieder leeren, neu befüllen. Danach eine Reihe von Stiften auf einem Brett, jeden um eine Vierteldrehung weiterdrehen, dann noch eine, immer weiter. Als die Stunde herum war, bat der Versuchsleiter sie um einen Gefallen. Im Wartezimmer sitze die nächste Versuchsperson, und die solle nun von ihnen hören, wie interessant und unterhaltsam die Aufgabe gewesen sei. Für diese kleine Lüge bekam die eine Hälfte der Studenten einen Dollar, die andere zwanzig. Beide Gruppen gingen dann hinaus und schwärmten der wartenden Person von der Aufgabe vor, die einen für einen Dollar, die anderen für zwanzig. Gelogen haben also alle.
Erst danach, unter vier Augen, fragte der Versuchsleiter jeden Einzelnen etwas anderes: wie ihm die Aufgabe in Wahrheit gefallen habe. Jetzt ging es nicht mehr um die Vorstellung gegenüber der nächsten Person, jetzt zählte die eigene, ehrliche Einschätzung. Und hier kam das Überraschende. Wer zwanzig Dollar bekommen hatte, gab ungerührt zu, dass die Aufgabe öde gewesen war. Wer nur einen Dollar bekommen hatte, fand sie auf einmal richtig in Ordnung.
Der Grund ist dieselbe Spannung wie bei den Seekers. Ich habe gerade behauptet, das sei spannend gewesen, und in Wahrheit war es stinklangweilig. Wer zwanzig Dollar in der Tasche hatte, konnte die Spannung mühelos auflösen, denn zwanzig Dollar waren damals viel Geld und Rechtfertigung genug: Ich habe für die Bezahlung geflunkert, fertig. Ein Dollar trug diese Last nicht. Er war zu wenig, um die Lüge zu erklären. Also blieb nur, an der eigenen Erinnerung nachzubessern. So schlimm war die Aufgabe ja eigentlich gar nicht. Genau besehen hatte sie sogar etwas.
Die Pointe daran ist unbequem. Wir glauben gern, dass unsere Überzeugungen unsere Handlungen steuern. Oft läuft es umgekehrt. Wir handeln zuerst, und dann basteln wir uns die Überzeugung, die am besten dazu passt. Je weniger Grund wir für eine Handlung hatten, desto stärker müssen wir hinterher an sie glauben, damit die Rechnung aufgeht.
Wie weit das gehen kann, zeigt eine ganz andere Forschungslinie. Bei manchen Menschen mit schwerer Epilepsie wurde früher der Balken durchtrennt, die dicke Nervenbrücke, über die die beiden Hirnhälften miteinander reden. Danach arbeiten die Hälften weitgehend getrennt, und nur die linke kann sprechen. Der Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga zeigte der rechten, stummen Hälfte eines Patienten eine Schneelandschaft und der linken, sprechenden einen Hühnerfuß. Mit der linken Hand griff der Mann daraufhin zu einer Schaufel, mit der rechten zu einem Huhn, beides passte zu seinem jeweiligen Bild. Als Gazzaniga fragte, warum er die Schaufel genommen habe, hätte die ehrliche Antwort lauten müssen: Ich weiß es nicht, die Hälfte, die das entschieden hat, kann nicht sprechen. Der Mann aber antwortete ohne Zögern, man brauche eine Schaufel, um den Hühnerstall auszumisten. Die sprechende Hälfte wusste nichts vom Schnee und erfand auf der Stelle einen Grund, der zu dem passte, was sie sah, und sie glaubte ihn vollständig.
Diesen Teil, der fortlaufend Gründe für das eigene Verhalten liefert, auch ohne dessen wahren Anlass zu kennen, nannte Gazzaniga den Interpreten. Bei niemandem von uns ist der Balken durchtrennt, und trotzdem läuft dieser Interpret ständig mit. Die Erklärungen, die er uns reicht, kommen oft erst, nachdem wir längst gehandelt haben, und sie fühlen sich an wie die wahren Beweggründe, weil uns die Stelle verschlossen bleibt, an der die Entscheidung wirklich fiel.
Deine eigene stille Umdeutung
Wenn du einmal anfängst, darauf zu achten, findest du den Mechanismus überall im eigenen Alltag. Du weißt genau, dass dir das Rauchen schadet, und ertappst dich trotzdem dabei, wie mühelos dir die Gründe einfallen, warum die eine nach dem Essen schon in Ordnung geht und der eigene Großvater schließlich bis ins hohe Alter geraucht hat. Du bleibst in einer Beziehung, in die du so viel hineingegeben hast, dass ein Schlussstrich sich anfühlen würde wie das Eingeständnis, all die Jahre verschwendet zu haben. Du hast viel Geld für etwas ausgegeben und entdeckst danach lauter Vorzüge daran, während du die Alternativen, die du vorher noch ernsthaft erwogen hast, kaum noch eines Blickes würdigst.
Am deutlichsten wird es bei dem, wofür du dich am meisten anstrengen musstest. Was wir uns hart erkämpfen, eine schwierige Aufnahme, eine zähe Ausbildung, einen Kreis, in den man nur unter Mühen hineinkommt, das werten wir hinterher auf. Die Anstrengung will gerechtfertigt sein. Wäre die Sache nur mittelmäßig gewesen, hätte sich der Aufwand nicht gelohnt, und das mag niemand über sich denken. Also muss sie großartig gewesen sein.
Und am hartnäckigsten verteidigen wir oft genau die Standpunkte, bei denen wir am weitesten danebenlagen. Je peinlicher der Irrtum, desto größer die Spannung, und desto verlockender die Umdeutung, die ihn in etwas anderes verwandelt. Das offene Eingeständnis kostet mehr, als die meisten zu zahlen bereit sind.
Eine letzte Wendung
An dieser Geschichte hängt noch ein Nachspiel, und es ist fast zu passend. Neuere historische Arbeiten haben die Originalnotizen durchgesehen und legen nahe, dass es längst nicht so sauber lief wie im berühmten Buch. Die Gruppe zerfiel nach der ausgebliebenen Flut wohl eher, als dass sie missionierte, und Dorothy Martin widerrief am Ende doch. Die Forscher waren mit einer festen Erwartung in jenes Wohnzimmer gegangen, und die hat möglicherweise gefärbt, was sie zu sehen glaubten. Die kognitive Dissonanz wird dadurch nicht zum Hirngespinst, im Labor lässt sie sich tausendfach nachweisen. Aber es liegt eine stille Ironie darin: Eine Theorie darüber, wie schwer wir uns von einer liebgewonnenen Überzeugung trennen, wurde vielleicht selbst von Forschern in Form gehalten, die ihre liebgewonnene These ungern losließen. Der Mechanismus macht vor niemandem halt, auch nicht vor denen, die ihn beschreiben.
Das ist überhaupt der unbequemste Teil. Die Umdeutung im eigenen Kopf bemerken wir so gut wie nie. Von innen fühlt sie sich nicht an wie ein Ausweichen, sie fühlt sich an wie Einsicht. Die Gründe, die wir uns zurechtlegen, kommen uns vor wie die Wahrheit, weil wir sie selbst geschrieben haben.
Bevor die Gründe kommen
Die Umdeutung läuft fast immer hinterher, wenn die Entscheidung längst gefallen ist und sich nichts mehr daran ändern lässt. Genau deshalb hilft das Wissen darüber im Nachhinein so wenig. Brauchbar wird es an einer einzigen Stelle, im Moment davor, solange du noch wählen kannst. Achte dann darauf, was dein Kopf tut. Wenn du anfängst, dir Gründe zusammenzutragen, warum du etwas tun solltest, und die Liste länger wird, je länger du nachdenkst, ist das oft schon die Antwort. Was wirklich zu dir passt, muss selten lange begründet werden, es liegt einfach nahe. Das eifrige Sammeln von Argumenten ist häufig die Dissonanz bei der Arbeit, nur vorab. Ein Teil von dir hat längst entschieden, und der andere baut die Rechtfertigung dazu. Umgekehrt, wenn du vor allem nach Einwänden suchst, nach Risiken und dem ungünstigen Zeitpunkt, dann will ein Teil von dir die Sache oft längst, und der Rest wehrt sie vorsichtshalber ab.
Die Faustregel kippt an einer Stelle, und es lohnt sich, die zu kennen. Manchmal redest du dir eine schwere, aber richtige Sache mühsam ein, das Aufhören oder den Absprung aus etwas, das dir nicht guttut, und dann sind die Gründe, die du suchst, kein Ausweichen, eher ein Anlauf. Der Unterschied liegt in dem Gefühl, das die Gründe gerade übertönen sollen. Suchst du Argumente, um eine leise Erleichterung kleinzureden, ist die ehrliche Antwort meistens schon da und heißt: lieber nicht. Suchst du sie, um eine leise Angst zu überreden, steckt unter der Angst oft genau das, was du eigentlich willst.
Eine Übung für die kommende Woche
Such dir eine Entscheidung aus, die du in letzter Zeit verteidigt hast, am besten eine, bei der du ein bisschen zu schnell oder ein bisschen zu heftig wirst, wenn jemand daran rührt. Genau diese Hitze ist ein guter Hinweis darauf, dass darunter eine Spannung sitzt.
Nimm dir dann zwanzig Minuten und schreib die stärkste Gegenrede auf, die du zustande bringst, so als müsstest du jemanden überzeugen, der das genaue Gegenteil für richtig hält. Es geht nicht darum, deine Meinung zu kippen. Es geht darum zu spüren, an welcher Stelle es anfängt, unangenehm zu werden.
Wahrscheinlich kommt irgendwann der Punkt, an dem du den Stift weglegen und schnell an etwas anderes denken willst. Dieser Punkt ist der interessante. Da sitzt das, was du investiert hast, die Mühe, das Geld, die Zeit, der Teil deines Selbstbildes, der an der Entscheidung hängt. Du musst dort gar nichts ändern. Es reicht zu wissen, dass es diese Stelle gibt, und dass die guten Gründe, die dir sonst so selbstverständlich einfallen, manchmal erst entstanden sind, nachdem die Entscheidung längst gefallen war.



