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Stell dir kurz vor, du gewinnst im Lotto. Eine richtig große Summe, genug, um den Kredit abzulösen, das Auto zu ersetzen, die Arbeit auf die Hälfte zu kürzen. Die meisten Menschen sind sich ziemlich sicher, was dann käme: Das Leben würde leichter, heller, von Grund auf zufriedener. Genau diese Annahme haben 1978 drei Psychologen der Northwestern University überprüft, und ihr Ergebnis hat die Vorstellung davon, was Glück eigentlich ist, seither gründlich verschoben.
Der US-Bundesstaat Illinois hatte kurz zuvor eine Lotterie eingeführt. Philip Brickman und seine Kollegen spürten zweiundzwanzig Menschen auf, die im Jahr davor groß gewonnen hatten, jeder mindestens fünfzigtausend Dollar, manche bis zu einer Million. Sie fragten sie auf einer Skala von null bis fünf, wie glücklich sie im Moment seien, und stellten dieselbe Frage einer Gruppe von Nachbarn, die nicht gewonnen hatten. Die Gewinner kamen auf einen Schnitt von 4,0, die Nachbarn auf 3,82. Der Abstand war so klein, dass er statistisch nicht ins Gewicht fiel. Ein Jahr nach dem großen Geld waren die Gewinner kaum glücklicher als die Leute von nebenan.
Auffälliger war etwas anderes. Die Forscher hatten auch gefragt, wie viel Freude die Teilnehmer aus alltäglichen Kleinigkeiten zögen, aus einem Gespräch mit Freunden oder dem Frühstück. Hier schnitten die Gewinner messbar schlechter ab als die Nachbarn. Wer einmal das große Hochgefühl des Gewinns erlebt hatte, dem kam der gewöhnliche Morgen danach blasser vor. Das Außergewöhnliche hatte das Gewöhnliche entwertet.
Und dann taten Brickman und seine Kollegen das, was ihre Studie berühmt gemacht hat. Sie verglichen die Gewinner mit Menschen am anderen Ende des Schicksals, mit neunundzwanzig Personen, die nach einem Unfall querschnittsgelähmt waren. Zu erwarten wäre, dass zwischen einem Lottogewinn und einer dauerhaften Lähmung ein Abgrund an Lebensglück liegt. Tatsächlich war der Abstand erstaunlich klein. Die Gelähmten gaben ihr gegenwärtiges Glück mit 2,96 an, näher an den Nachbarn, als man vermuten würde, und immer noch im positiven Bereich der Skala.
An dieser Stelle übertreibt die populäre Version der Geschichte gern. Oft heißt es, die Gelähmten seien am Ende genauso glücklich gewesen wie die Gewinner. Das stimmt nicht. 2,96 ist nicht 4,0, und der Abstand zu den Nachbarn war real. Ein schweres Schicksal hinterlässt Spuren, die sich nicht einfach auflösen. Der Abstand war nur eben viel kleiner, als jede Intuition ihn veranschlagt, und darin liegt der eigentliche Befund. Die Lähmung machte die Menschen weniger unglücklich, als wir es uns ausmalen, und der Gewinn die anderen weniger glücklich. Beide Leben rückten in Richtung Mitte.
Warum das Neue zur Normalität wird
Den Mechanismus dahinter nennen Psychologen Gewöhnung, oder genauer Adaptation. Unser Empfinden hat keinen festen Nullpunkt. Es misst sich immer an dem, woran wir uns gewöhnt haben. Das erste Gehalt, das einem üppig vorkam, ist nach zwei Jahren der selbstverständliche Kontostand, der einen kaltlässt. Die neue Wohnung, die sich anfangs wie ein kleiner Aufstieg anfühlte, ist bald einfach die Wohnung. Jeder Gewinn hebt das Niveau, an dem wir den nächsten messen, und hebt damit auch die Schwelle, ab der wir uns überhaupt freuen.
Brickman fand dafür das Bild der hedonistischen Tretmühle. Du läufst und strengst dich an und kommst doch nicht vom Fleck, weil der Boden unter dir in genau dem Tempo mitläuft, in dem du schneller wirst. Dazu kommt der zweite Effekt, den die Gewinner zu spüren bekamen. Ein großes Hoch verstellt den Maßstab für alles Kleinere. Wer gerade groß gewonnen hat, für den wiegt ein unverhoffter Zwanziger, über den er sich früher gefreut hätte, auf einmal kaum noch etwas. Das Spitzenerlebnis zieht den Vergleich nach oben und lässt den Rest des Lebens daneben matt erscheinen.
Das nächste Ding
Du musst nicht im Lotto gewinnen, um die Tretmühle zu kennen, du läufst längst auf ihr. Das Smartphone, auf das du ein halbes Jahr gespart hast, ist nach drei Wochen einfach das Telefon in deiner Tasche. Die Beförderung, die sich wie ein Sprung anfühlte, ist nach einem Quartal der gewohnte Schreibtisch, an dem schon die nächste Stufe lockt. Wir nennen das Fortschritt, und in mancher Hinsicht ist es das auch. Nur hält das Glück, das wir uns davon versprechen, selten so lange wie der Weg dorthin.
Daniel Kahneman hat den Denkfehler dahinter treffend beschrieben. Solange du über eine Sache nachdenkst, schwillt sie an und füllt das ganze Bild, und fast nichts im Leben verdient so viel Gewicht, wie es in diesem Moment zu haben scheint. Während du dir die Gehaltserhöhung ausmalst, ist sie alles. Im wirklichen Leben ist sie dann ein kleiner Teil eines Tages, der aus hundert anderen Dingen besteht, vom Wetter am Morgen bis zum Stau auf dem Heimweg. Die Vorfreude überschätzt sich, weil sie das eine Ding groß macht und alles andere ausblendet.
Was nicht auf die Tretmühle gehört
Es wäre ein bequemer und ziemlich trostloser Schluss, daraus zu folgern: Am Ende landest du ohnehin wieder beim selben Glückspegel, also kannst du es gleich lassen. So einfach ist es nicht, und die neuere Forschung hat das deutlich gemacht. Die Gewöhnung ist mächtig, doch sie ist nicht vollständig. Langfristige Daten über Jahre zeigen, dass manche Einschnitte sehr wohl dauerhafte Spuren hinterlassen. Länger andauernde Arbeitslosigkeit oder der Verlust eines nahen Menschen drücken den Pegel oft über Jahre nach unten, ohne dass er von allein zurückfindet.
Umgekehrt nutzt sich nicht jede gute Sache gleich schnell ab. An ein größeres Auto hast du dich in ein paar Monaten gewöhnt. An eine Arbeit, die dir etwas bedeutet, oder an einen Menschen, der dir nahesteht, gewöhnst du dich nie ganz, weil beide sich nicht in einem einzigen Anschaffungsmoment erschöpfen. Sie finden jeden Tag aufs Neue statt, und jedes Mal geben sie etwas zurück.
Darin liegt der brauchbare Teil der Tretmühle. Am zuverlässigsten läuft sie unter den Dingen, die man kaufen, zählen und mit dem Nachbarn vergleichen kann. Bei dem, was sich schlechter in eine Zahl bringen lässt, läuft sie langsamer oder gar nicht. Wer den Unterschied kennt, schaut bei der nächsten Anschaffung womöglich zweimal hin, was davon ihn wirklich trägt und was nur die Schwelle höhersetzt, ab der er sich das Übernächste wünscht.
Wovor wir uns zu sehr fürchten
Dieselbe Mechanik hat eine zweite Richtung, und die ist ein Trost. Was den Gewinn verblassen lässt, lindert mit der Zeit auch den Verlust. Genau das war ja schon an den Unfallopfern zu sehen, die deutlich weniger unglücklich waren, als jeder es für möglich gehalten hätte. Die Gewöhnung arbeitet nach unten wie nach oben und zieht das große Unglück allmählich näher an das heran, was sich noch aushalten lässt.
Das Tückische ist, dass wir diese Kraft in uns vorher nicht sehen. Daniel Gilbert und Timothy Wilson haben gezeigt, dass Menschen den Schmerz künftiger Schläge regelmäßig überschätzen, in Dauer wie in Wucht. Befragte waren überzeugt, eine abgelehnte Festanstellung oder eine verlorene Wahl würde sie über Jahre niederdrücken. Tatsächlich fingen sie sich viel schneller, als sie es sich selbst zugetraut hatten. Gilbert nennt den Grund das psychologische Immunsystem, eine stille Maschinerie aus Umdeuten und Weitermachen, die anspringt, sobald es ernst wird, und die wir beim Vorhersagen schlicht vergessen.
Das hebt nicht auf, was eben stand, manche Einschnitte hinterlassen wirklich Spuren, die über Jahre bleiben. Aber im Alltag ist der häufigere Fehler der umgekehrte. Wir trauen unserer eigenen Widerstandskraft zu wenig zu und richten ganze Entscheidungen danach aus, einem Schmerz auszuweichen, den wir so lang und so groß, wie wir ihn uns ausmalen, am Ende gar nicht erleben würden.
Was die Tretmühle ausbremst
Gegen die Gewöhnung hilft ein Mittel, das den meisten zuwiderläuft, weil es das Gegenteil von dem ist, was wir instinktiv tun. Wir versuchen, das Schöne festzuhalten, möglichst ununterbrochen und immer griffbereit. Genau das füttert die Tretmühle. Die Gewöhnung lebt vom gleichmäßigen Strom, und was den Strom unterbricht, holt die Intensität zurück.
Leif Nelson und Tom Meyvis haben das an etwas gezeigt, das jeder zu hassen glaubt. In ihren Studien sahen Versuchspersonen eine Folge der Sitcom „Taxi“, die einen am Stück, die anderen mit Werbeunterbrechungen. Hinterher fanden ausgerechnet die mit der Werbung die Folge unterhaltsamer, obwohl alle die Unterbrechungen als störend empfunden hatten. Die Pause durchbrach die Gewöhnung, und danach lief das Vergnügen wieder mit voller Kraft an. Umgekehrt gilt dasselbe: Wird etwas Unangenehmes unterbrochen, kommt es einem hinterher noch schlimmer vor. Die Pause verstärkt das, was gerade läuft.
Daraus folgt etwas, das sich sofort anwenden lässt und sich erst einmal falsch anfühlt. Was du liebst, solltest du nicht am Stück durchziehen. Die Serie, die du verschlingst, gibt dir weniger als dieselbe Serie in Portionen. Der Lieblingssong in Dauerschleife nutzt sich ab, eine Woche Pause lässt ihn wieder neu klingen. Die kurze Abwesenheit hält eine Sache lebendig, die ständige Verfügbarkeit löscht sie aus. So gesehen war der Lottogewinn ein Härtefall, ununterbrochener Zugang zu allem und damit die schnellste Form der Abstumpfung.
Eine Übung für die kommende Woche: Das Wegdenken
Nimm dir eine gute Sache in deinem Leben vor, keine spektakuläre, eher eine, die du längst für selbstverständlich hältst, einen Menschen, der dir wichtig ist, oder den Ort, an dem du wohnst. Und dann denk sie für ein paar Minuten weg. Es geht dabei weniger um den Verlust als um die Vorstufe davon. Geh die Verkettung durch, durch die sie beinahe nie zustande gekommen wäre, die Begegnung, die fast nicht stattgefunden hätte, die Abzweigung, an der es auch ganz anders hätte laufen können, und wie nah du daran warst, dass es das alles gar nicht gäbe.
Das klingt nach einem Umweg, und genau darin liegt der Trick. Minkyung Koo und Daniel Gilbert haben gezeigt, dass diese Vorstellung des Fehlens mehr Wertschätzung weckt als das gewohnte Aufzählen dessen, was man ohnehin hat. Sie holt eine gute Sache aus der Selbstverständlichkeit zurück, in die die Gewöhnung sie gezogen hat.
Die Lottogewinner von 1978 hatten am Ende alles, was man sich wünscht, jederzeit und ununterbrochen verfügbar, und genau das ließ den gewöhnlichen Morgen für sie verblassen. Vielleicht steckt mehr vom eigenen Glück in den Unterbrechungen als in dem, was lückenlos zur Verfügung steht.
Was würdest du heute vermissen, wenn es plötzlich fehlte?
Quellen
- Brickman, P., Coates, D. & Janoff-Bulman, R. (1978). Lottery Winners and Accident Victims: Is Happiness Relative? Journal of Personality and Social Psychology, 36(8), 917–927.
- Brickman, P. & Campbell, D. T. (1971). Hedonic Relativism and Planning the Good Society. In M. H. Appley (Hrsg.), Adaptation-Level Theory (S. 287–305). Academic Press.
- Kahneman, D., Krueger, A. B., Schkade, D., Schwarz, N. & Stone, A. A. (2006). Would You Be Happier If You Were Richer? A Focusing Illusion. Science, 312(5782), 1908–1910.
- Lucas, R. E., Clark, A. E., Georgellis, Y. & Diener, E. (2003). Reexamining Adaptation and the Set Point Model of Happiness: Reactions to Changes in Marital Status. Journal of Personality and Social Psychology, 84(3), 527–539.
- Lucas, R. E., Clark, A. E., Georgellis, Y. & Diener, E. (2004). Unemployment Alters the Set Point for Life Satisfaction. Psychological Science, 15(1), 8–13.
- Gilbert, D. T., Pinel, E. C., Wilson, T. D., Blumberg, S. J. & Wheatley, T. P. (1998). Immune Neglect: A Source of Durability Bias in Affective Forecasting. Journal of Personality and Social Psychology, 75(3), 617–638.
- Nelson, L. D., Meyvis, T. & Galak, J. (2009). Enhancing the Television-Viewing Experience through Commercial Interruptions. Journal of Consumer Research, 36(2), 160–172.
- Koo, M., Algoe, S. B., Wilson, T. D. & Gilbert, D. T. (2008). It’s a Wonderful Life: Mentally Subtracting Positive Events Improves People’s Affective States, Contrary to Their Affective Forecasts. Journal of Personality and Social Psychology, 95(5), 1217–1224.



