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Es ist halb zehn abends, und in der Wohnung steht die Luft. Draußen sind die Grad zwar gefallen, drinnen nicht, das Schlafzimmer hat den ganzen Tag Sonne abbekommen. Jemand stellt dir eine harmlose Frage, und du hörst dich in einem Ton antworten, der nicht zu der Frage passt. Später liegst du wach, drehst das Kissen auf die kühle Seite und ärgerst dich zusätzlich über dich selbst.
Am nächsten Morgen bist du müde, dünnhäutig und langsamer als sonst. Und irgendwo im Hinterkopf sitzt der Verdacht, dass du dich gerade nicht besonders gut im Griff hast.
Dieser Verdacht ist falsch, und dafür gibt es eine ziemlich klare Erklärungskette.
Der Fahrer, der zu lange hupt
Dass Hitze etwas mit der Stimmung macht, ist seit Jahrzehnten untersucht, und eine der bekanntesten Untersuchungen dazu fand nicht im Labor statt, sondern an einer Kreuzung in Phoenix, Arizona. Douglas Kenrick und Steven MacFarlane ließen ein Auto an einer grünen Ampel stehenbleiben und maßen, wie die Fahrer dahinter reagierten. Je heißer es war, desto schneller und desto länger wurde gehupt.
Ähnliche Muster tauchen in vielen Datensätzen auf, bis hin zu Auswertungen von Kriminalstatistiken. Ehrlicherweise gehört dazu, dass die Ursache hier schwerer festzunageln ist, als es zunächst aussieht. An heißen Tagen sind mehr Menschen draußen, abends länger unterwegs, es gibt schlicht mehr Gelegenheiten für Reibung. Wie viel davon die Temperatur selbst erklärt und wie viel die veränderten Umstände, darüber wird in der Forschung weiter gestritten.
Was sich aber deutlich sauberer zeigen lässt, ist etwas anderes: was Hitze mit dem Denken macht.
Zwölf Tage in Boston
Im Sommer 2016 nutzte eine Gruppe um Jose Guillermo Cedeño Laurent von der Harvard-Universität eine Gelegenheit, wie sie sich selten ergibt. In Boston stand eine Hitzewelle bevor, und auf dem Campus lebten Studenten in zwei Sorten von Wohnheimen: die einen mit Klimaanlage, die anderen ohne. Dieselbe Stadt, dasselbe Wetter, derselbe Alltag, nur die Innentemperatur unterschied sich.
Zwölf Tage lang machten alle Teilnehmer jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen zwei kurze Tests auf ihrem Handy. Fünf Tage normales Wetter, fünf Tage Hitzewelle, zwei Tage Abkühlung. Getestet wurde unter anderem, wie schnell jemand reagiert und wie gut er sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, wenn ihn etwas ablenkt.
Die Studenten ohne Klimaanlage schnitten schlechter ab, und zwar über mehrere Maße hinweg, in der Reaktionsgeschwindigkeit ebenso wie im Arbeitsgedächtnis. Das allein wäre wenig überraschend.
Bemerkenswert war, wann der Abstand zwischen den Gruppen am größten wurde. Nicht auf dem Höhepunkt der Hitzewelle, sondern in den zwei Tagen danach, als draußen die Temperaturen schon wieder fielen. Die Gebäude ohne Klimaanlage waren da immer noch aufgeheizt. Die Bewohner hatten längst das Gefühl, das Schlimmste sei überstanden, während ihr Kopf noch mitten in der Belastung steckte.
Das ist der erste Teil der Erklärung: Man merkt der Hitze nicht an, was sie gerade kostet, und man spürt es am wenigsten dann, wenn man glaubt, es sei vorbei.
Warum die Nacht das eigentliche Problem ist
Die stärkere Wirkung läuft ohnehin über einen Umweg, und der geht durch den Schlaf.
Einschlafen ist ein Vorgang, der Temperatur braucht. Damit der Körper überhaupt in den Schlaf findet, muss die Kerntemperatur um ein knappes Grad absinken. Er erledigt das, indem er die Blutgefäße in Händen und Füßen weitstellt und die Wärme über die Haut abgibt. Wie gut dieser Wärmeabfluss gelingt, sagt erstaunlich zuverlässig voraus, wann jemand einschläft. Ist es im Zimmer warm, funktioniert das schlecht, weil die Wärme nirgendwo hinkann.
Wie groß dieser Effekt ist, hat eine Auswertung von Nick Obradovich und Kollegen gezeigt, für die Angaben von siebenhundertfünfundsechzigtausend Menschen ausgewertet wurden. Ein Grad höhere Nachttemperatur führte zu rund drei zusätzlichen Nächten mit zu wenig Schlaf, je hundert Menschen im Monat. Am stärksten fiel der Effekt im Sommer aus.
Eine spätere Untersuchung mit Schlaftrackern, über sieben Millionen Nächte aus achtundsechzig Ländern, konnte auch zeigen, woran es genau liegt. In warmen Nächten wird der Schlaf vor allem deshalb kürzer, weil das Einschlafen sich nach hinten verschiebt. Man geht zur gewohnten Zeit ins Bett, der Wecker klingelt zur gewohnten Zeit, und dazwischen fehlt hinten und vorne eine halbe Stunde.
Was eine kurze Nacht mit der Geduld macht
Und damit sind wir bei dem Ton von halb zehn.
Eine Arbeitsgruppe um Matthew Walker hat untersucht, was eine durchwachte Nacht mit der emotionalen Reaktion anstellt. Die Teilnehmer sahen im Hirnscanner Bilder, die zunehmend unangenehm wurden. Bei den Ausgeschlafenen reagierte die Amygdala, jene Struktur, die Bedrohliches meldet, so wie man es erwartet. Bei den Übernächtigten fiel diese Reaktion rund sechzig Prozent stärker aus.
Interessanter noch war der zweite Befund. Normalerweise steht die Amygdala in enger Verbindung mit dem präfrontalen Kortex, der ihre Meldungen einordnet und dämpft. Genau diese Verbindung war bei den Übernächtigten geschwächt. Der Alarm wurde also lauter, und die Instanz, die ihn sonst relativiert, war schlechter erreichbar.
Damit schließt sich die Kette. Die warme Nacht verschiebt das Einschlafen. Der fehlende Schlaf verstärkt die Reaktion auf alles Unangenehme und schwächt zugleich die Bremse. Am nächsten Abend ist es wieder warm, und die harmlose Frage trifft auf einen Menschen, dessen Alarmanlage empfindlicher eingestellt ist als sonst.
Warum es sich anfühlt, als läge es an ihr
Damit ist erklärt, warum du gereizt bist. Offen ist noch, warum sich die Gereiztheit anfühlt, als hätte sie mit der Person vor dir zu tun.
Craig Anderson und seine Kollegen haben Menschen dafür in unterschiedlich warme Räume gesetzt. In den heißen Räumen stieg die feindselige Stimmung, feindselige Gedanken waren leichter abrufbar, und der Körper war messbar stärker in Erregung.
Der aufschlussreichste Teil des Ergebnisses steckt woanders. Dieselben Leute schätzten sich als weniger erregt ein als die in den kühlen Räumen. Der Körper lief also auf höheren Touren, während das Gefühl, aufgedreht zu sein, schwächer war. Die Erregung war da und blieb unsichtbar für den, der sie mit sich herumtrug.
Hier beginnt der psychologische Teil. Eine Erregung, für die man keine Erklärung hat, bekommt eine. Der Kopf greift dabei selten zum Thermometer, er greift zu dem, was gerade im Raum steht, und das ist meistens ein Mensch. Aus einem überhitzten Zimmer und einem Körper auf Hochtouren wird im Erleben eine Frage, die unmöglich gestellt war.
Anderson zog aus seinen Versuchen den Schluss, dass Hitze vor allem die Bewertung uneindeutiger sozialer Situationen in eine feindselige Richtung kippt. Der Unterschied zum bloßen Überreagieren ist fein, aber er zählt. Die Frage kommt bei dir schon weniger neutral an, bevor du überhaupt auf sie reagierst.
Was das über dich sagt
Nichts.
Wer im August dünnhäutiger ist als im April, hat nicht an Charakter verloren. Er schläft seit zwei Wochen schlechter und arbeitet dazu tagsüber gegen eine Belastung an, die im Hintergrund läuft und die man nicht als Belastung erlebt, weil sie nach nichts weiter aussieht als nach Sommer.
Dass sich das trotzdem nach Charakter anfühlt, liegt an derselben Unsichtbarkeit. Von innen sieht ein zu warmer, übermüdeter Zustand nicht aus wie ein Zustand. Er sieht aus wie eine Welt, in der die Leute heute besonders anstrengend sind.
Das ist keine Entschuldigung für alles. Ein schroffer Satz bleibt ein schroffer Satz, und wer ihn gesagt hat, kann ihn zurücknehmen. Aber es macht einen Unterschied, ob man den kurzen Draht für ein Persönlichkeitsproblem hält oder für das, was er in diesen Wochen meistens ist: die Folge von zu wenig Schlaf bei zu viel Wärme.
Eine Übung für die kommende Woche: erst das Thermometer, dann der Mensch
Der erste Teil gilt dem Moment selbst. Wenn dich diese Woche etwas mehr ärgert, als es der Anlass hergibt, dann sieh einmal auf die Temperatur, bevor du dir dein Gegenüber genauer ansiehst. Es geht darum, der Erregung einen zweiten möglichen Absender zu geben. Wer einmal für sich ausspricht, dass es hier seit Tagen zu warm ist und er entsprechend schlecht schläft, hat eine Erklärung, die stimmt, und muss sie nicht mehr in der Person vor sich suchen. Der Ärger verschwindet dadurch nicht. Er wird nur wieder zu dem, was er ist, und hört auf, ein Urteil über jemanden zu sein.
Der zweite Teil gilt dem Abend. Alles, was in heißen Nächten hilft, läuft darauf hinaus, dem Körper das Wärmeabgeben zu erleichtern. Drei Dinge, die in die Stunde vor dem Schlafengehen passen.
Kühl das Zimmer, nicht dich. Wenn es abends draußen kühler ist als drinnen, hilft Querlüften mehr als alles andere, und tagsüber bringt es am meisten, die Sonne von außen abzuhalten, mit Rollladen oder Vorhang, bevor sie ins Zimmer kommt. Was einmal drin ist, geht schwer wieder raus.
Dusch lauwarm statt eiskalt. Das klingt verkehrt, folgt aber direkt aus dem Mechanismus. Kaltes Wasser lässt die Gefäße eng werden, und die Wärme bleibt drinnen. Lauwarmes Wasser stellt sie weit, danach gibt der Körper besser ab, und die Kerntemperatur sinkt leichter. Der kurze Frischekick der kalten Dusche kostet dich hinterher genau das, was du zum Einschlafen brauchst.
Und lass Hände und Füße frei. Über sie läuft der größte Teil der Wärmeabgabe. Eine Decke, die nur die Füße bedeckt, verhindert genau den Vorgang, der dich müde macht.
Wenn du diese Woche jemanden anfährst, obwohl es keinen Grund gab: Wie hast du in der Nacht davor geschlafen?
Quellen
- Kenrick, D. T. & MacFarlane, S. W. (1986). Ambient Temperature and Horn Honking: A Field Study of the Heat/Aggression Relationship. Environment and Behavior, 18(2), 179–191.
- Anderson, C. A., Deuser, W. E. & DeNeve, K. M. (1995). Hot Temperatures, Hostile Affect, Hostile Cognition, and Arousal: Tests of a General Model of Affective Aggression. Personality and Social Psychology Bulletin, 21(5), 434–448.
- Anderson, C. A. (2001). Heat and Violence. Current Directions in Psychological Science, 10(1), 33–38.
- Cedeño Laurent, J. G., Williams, A., Oulhote, Y., Zanobetti, A., Allen, J. G. & Spengler, J. D. (2018). Reduced Cognitive Function During a Heat Wave Among Residents of Non-Air-Conditioned Buildings: An Observational Study of Young Adults in the Summer of 2016. PLOS Medicine, 15(7), e1002605.
- Obradovich, N., Migliorini, R., Mednick, S. C. & Fowler, J. H. (2017). Nighttime Temperature and Human Sleep Loss in a Changing Climate. Science Advances, 3(5), e1601555.
- Minor, K., Bjerre-Nielsen, A., Jónasdóttir, S. S., Lehmann, S. & Obradovich, N. (2022). Rising Temperatures Erode Human Sleep Globally. One Earth, 5(5), 534–549.
- Yoo, S.-S., Gujar, N., Hu, P., Jolesz, F. A. & Walker, M. P. (2007). The Human Emotional Brain Without Sleep — A Prefrontal Amygdala Disconnect. Current Biology, 17(20), R877–R878.
- Kräuchi, K. & Deboer, T. (2010). The Interrelationship Between Sleep Regulation and Thermoregulation. Frontiers in Bioscience, 15, 604–625.



