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Du hast drei Wochen an einem Konzept gearbeitet. Dann kommt eine kurze Nachricht: Das Projekt wird vorerst nicht weiterverfolgt. Andere Prioritäten. Am nächsten Morgen öffnest du die Datei noch einmal, obwohl es eigentlich nichts mehr daran zu tun gibt, und merkst, dass sich die Arbeit plötzlich anders anfühlt.
Es muss gar nicht um ein großes Projekt gehen. Vielleicht verschickst du seit Monaten jeden Freitag denselben Bericht und weißt inzwischen nicht mehr, wer ihn überhaupt liest. Es gibt keine Kritik, aber auch keine Rückfragen. Eigentlich gibt es gar keine Reaktion.
An deinem Job hat sich dadurch zunächst nichts geändert. Du wirst genauso bezahlt, hast dieselben Aufgaben und vielleicht sogar genauso viel zu tun wie vorher. Trotzdem kann etwas mit der Zeit schwerer werden: Du fängst später an, prüfst weniger sorgfältig nach oder brauchst länger für Dinge, die dir früher leichtfielen. Zwei Experimente zeigen ziemlich gut, warum das passieren kann.
Elf Figuren gegen sieben
Dan Ariely und zwei Kollegen ließen Studenten kleine Lego-Figuren zusammenbauen. Für die erste Figur bekamen sie zwei Dollar, für jede weitere etwas weniger. Sie konnten so lange weitermachen, wie sie wollten, und jederzeit aufhören.
Bei einem Teil der Teilnehmer blieben die fertigen Figuren auf dem Tisch stehen. Mit jeder Runde wurde sichtbar, was sie bereits geschafft hatten. Bei den anderen nahm der Versuchsleiter eine fertige Figur wieder auseinander, sobald mit der nächsten begonnen wurde. Die Einzelteile kamen zurück in die Kiste und wurden später erneut verbaut.
Die Aufgabe war in beiden Gruppen dieselbe, ebenso die Bezahlung. Trotzdem gab es einen deutlichen Unterschied: Die Teilnehmer, deren Figuren stehen blieben, bauten im Durchschnitt etwa elf Stück. Die anderen kamen nur auf ungefähr sieben und hörten früher auf.
Die Forscher nannten diese zweite Variante „Sisyphos“, nach der Figur aus der griechischen Mythologie, die immer wieder einen Stein einen Berg hinaufrollen muss, nur um zuzusehen, wie er anschließend wieder hinunterrollt. Das Entscheidende war dabei nicht, dass die Arbeit schwieriger wurde oder jemand sie kritisierte. Sie verschwand einfach immer wieder vor den Augen derjenigen, die sie gerade erledigt hatten.
Zwei Sekunden Aufmerksamkeit
In einem zweiten Experiment untersuchten die Forscher etwas, das dem normalen Arbeitsalltag noch näherkommt. Die Teilnehmer bekamen Blätter mit langen Buchstabenreihen und sollten darin bestimmte Kombinationen finden. Auch hier sank die Bezahlung mit jeder weiteren Aufgabe.
Diesmal gab es drei Bedingungen. In der ersten schrieben die Teilnehmer ihren Namen auf das Blatt. Wenn sie fertig waren, nahm der Versuchsleiter es entgegen, sah kurz darüber, nickte und legte es auf einen Stapel. Er lobte niemanden und kommentierte auch nichts.
In der zweiten Gruppe nahm er das Blatt ebenfalls entgegen, legte es aber sofort weg, ohne es anzusehen. In der dritten wurde es vor den Augen des Teilnehmers direkt in einen Aktenvernichter geschoben.
Eigentlich würde man erwarten, dass vor allem der Aktenvernichter einen Unterschied macht. Überraschender war jedoch, wie ähnlich sich die zweite und die dritte Gruppe verhielten. Ob die eigene Arbeit ungesehen auf einem Stapel landete oder direkt vernichtet wurde, machte für die Bereitschaft weiterzuarbeiten deutlich weniger Unterschied, als man vermuten würde.
Der große Abstand lag zu der Gruppe, deren Blätter kurz angesehen worden waren. Dort arbeiteten viele Teilnehmer länger weiter, teilweise sogar dann noch, als kaum noch etwas zu verdienen war. Dafür hatte es weder Lob noch eine ausführliche Rückmeldung gebraucht. Ein kurzer Blick und ein Nicken hatten gereicht.
Was davon im Büro übrig bleibt
Im Arbeitsalltag wird natürlich selten etwas demonstrativ vor den Augen der Person zerstört, die es gerade erstellt hat. Arbeit kann aber auch auf eine viel unspektakulärere Weise verschwinden. Ein Konzept geht per Mail raus und wird nie wieder erwähnt. Zahlen werden für eine Präsentation aufbereitet, aber du erfährst nicht, ob sie überhaupt verwendet wurden. Ein Projekt wird nach Wochen eingestellt, ohne dass jemand erklärt, was zu der Entscheidung geführt hat.
Für die andere Seite steckt dahinter meistens keine Absicht. Vielleicht wurde der Bericht gelesen, die Auswertung war hilfreich und das Konzept hat tatsächlich eine Entscheidung beeinflusst. Nur erfährt die Person, die daran gearbeitet hat, nichts davon.
Genau das kann auf Dauer einen Unterschied machen. Wenn immer offenbleibt, was aus der eigenen Arbeit geworden ist, wird es schwieriger, ihren Wert einzuschätzen. Warum noch die zusätzliche halbe Stunde investieren? Warum eine Formulierung zum dritten Mal überarbeiten, wenn man ohnehin nie erfährt, ob jemand bis zu dieser Stelle gelesen hat?
Das passiert nicht unbedingt bewusst. Man beschließt nicht eines Morgens, ab jetzt nur noch achtzig Prozent zu geben. Eher schleicht sich mit der Zeit das Gefühl ein, dass der zusätzliche Aufwand keinen erkennbaren Unterschied macht.
Es braucht weniger Anerkennung, als man denkt
An dem zweiten Experiment ist deshalb vor allem interessant, wie wenig nötig war. Der Versuchsleiter hat die Teilnehmer nicht gelobt und ihnen auch nicht gesagt, dass ihre Arbeit besonders wichtig sei. Er hat das Blatt lediglich angesehen, kurz reagiert und es anschließend weggelegt.
Vielleicht wird Anerkennung im Arbeitsleben manchmal größer gedacht, als sie sein muss. Es braucht nicht nach jeder Aufgabe ein ausführliches Lob. Häufig reicht schon eine Rückmeldung, an der die andere Person erkennt, dass ihre Arbeit angekommen ist.
„Die Zahlen aus dem Anhang haben wir gestern für die Entscheidung gebraucht.“
„Den zweiten Vorschlag nehmen wir in die nächste Version.“
„Wir setzen das Projekt zwar nicht um, aber deine Analyse hat uns gezeigt, dass sich der Aufwand momentan nicht lohnt.“
Solche Sätze sind unspektakulär, aber sie enthalten etwas, das ein allgemeines „Danke, sieht gut aus“ nicht unbedingt vermittelt: Sie zeigen, dass jemand tatsächlich hingesehen hat. Gleichzeitig beantworten sie eine Frage, die sonst leicht offenbleibt: Was ist aus meiner Arbeit geworden?
Auch ein verworfenes Projekt kann ein Ergebnis haben
Dass etwas nicht umgesetzt wird, bedeutet nicht automatisch, dass die Arbeit daran umsonst war. Konzepte werden verworfen, Kampagnen gestoppt, Präsentationen nie gehalten und Prioritäten verschieben sich. Gerade in Unternehmen gehört das dazu.
Schwierig wird es eher dann, wenn niemand erklärt, wie es dazu gekommen ist. Wer drei Wochen an einer Idee arbeitet und anschließend nur erfährt, dass das Thema nicht weiterverfolgt wird, bleibt mit einer anderen Erfahrung zurück als jemand, der hört: „Deine Analyse hat gezeigt, dass der Markt momentan zu klein ist, deshalb stoppen wir hier.“
Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe. Das Projekt endet. Im zweiten Fall weiß die Person aber zumindest, welche Rolle ihre Arbeit dabei gespielt hat.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zum Sisyphos-Versuch. Nicht alles, woran wir arbeiten, muss am Ende sichtbar auf dem Tisch stehen bleiben. Aber es hilft, wenn wir erfahren, warum es dort nicht mehr steht.
Wenn bei dir selbst wenig zurückkommt
Wenn du seit einiger Zeit merkst, dass dir bestimmte Aufgaben schwerer fallen oder du weniger Energie hineinsteckst als früher, lohnt es sich, einmal auf die Rückmeldung rund um diese Arbeit zu schauen. Weißt du eigentlich, was mit den Dingen passiert, die du abgibst? Erfährst du, welche davon gebraucht werden und welche nicht?
Manches lässt sich schon durch eine einfache Nachfrage klären. Was ist aus dem Konzept geworden? Hat die Auswertung geholfen? Ist der Bericht eigentlich noch sinnvoll oder könnte man ihn verändern? Solche Fragen müssen kein Vorwurf sein. Oft fehlt die Rückmeldung schlicht deshalb, weil niemand daran gedacht hat, dass sie für die andere Person wichtig sein könnte.
Es kann außerdem helfen, die Wirkung der eigenen Arbeit etwas sichtbarer zu machen. Nicht mit einem komplizierten Produktivitätssystem, sondern beispielsweise mit einer kurzen Notiz am Ende der Woche: Was ist fertig geworden? Welche Entscheidung habe ich vorbereitet? Wem konnte ich etwas abnehmen? Was ist heute anders als noch am Montag?
Damit ersetzt man keine fehlende Rückmeldung von außen. Aber man verhindert zumindest, dass die eigene Woche im Rückblick nur aus Aufgaben besteht, die nach dem Abschicken irgendwo verschwunden sind.
Diese Woche: einmal hinsehen
Wenn dir in den nächsten Tagen jemand etwas schickt, das Arbeit gemacht hat, versuch bei einer Sache etwas konkreter zu antworten als mit „Danke“ oder einem Daumen nach oben. Es muss kein Lob sein. Ein Satz reicht, aus dem hervorgeht, dass du tatsächlich hineingesehen hast: „Die Aufteilung auf Seite drei hat mir geholfen“ oder „Die Zahl im zweiten Abschnitt war für die Entscheidung wichtig.“
Und dann kannst du die gleiche Frage einmal in die andere Richtung stellen. Denk an etwas, das du in den vergangenen Wochen abgegeben hast und von dem du seitdem nichts mehr gehört hast. Frag nach, was daraus geworden ist. Die Antwort ist vielleicht vollkommen unspektakulär, aber dann weißt du wenigstens wieder, wo deine Arbeit gelandet ist.



