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Anfang der 2000er machte sich eine Gruppe von Hirnforschern an der University of Iowa daran, eine Frau zu erschrecken. Es gelang ihnen kein einziges Mal. Man führte sie durch eine Tierhandlung voller Schlangen und Vogelspinnen, und statt zurückzuzucken, musste man sie davon abhalten, die Tiere anzufassen. Man schickte sie in eines dieser Geisterhäuser mit verkleideten Schauspielern, die aus dunklen Ecken springen – am Ende war sie es, die die Schauspieler erschreckte. Horrorfilme, bei denen andere kaum hinsehen konnten, fand sie einfach spannend.
Die Frau, in der Fachliteratur seit Jahrzehnten nur S. M. genannt, hat das seltene Urbach-Wiethe-Syndrom, das beide Mandelkerne in ihrem Gehirn nach und nach zerstört hat, ausgerechnet die Region, die für die Verarbeitung von Furcht zuständig ist. S. M. kann schlicht keine Angst empfinden. Das wäre beneidenswert, wenn es nicht so gefährlich wäre. Sie wurde mehrfach überfallen und bedroht, einmal mit einem Messer am Hals, und sagte hinterher, sie habe in keinem dieser Momente Furcht verspürt. Ihr fehlt das Frühwarnsystem, das die meisten von uns instinktiv die Straßenseite wechseln lässt. Also läuft sie immer wieder mitten hinein.
Eine ehrliche Geschichte über die Angst muss an dieser widersinnigen Stelle anfangen. Wir behandeln sie wie einen Defekt, den man am liebsten abstellen würde. S. M. führt vor, wohin es führt, wenn dieser Defekt tatsächlich behoben ist: in ständige Wehrlosigkeit. Angst ist, zumindest in ihrer Grundausstattung, der Grund, warum die meisten von uns überhaupt erwachsen geworden sind.
Bei dir und mir arbeitet genau das Stück Gehirn, das S. M. fehlt. Die Amygdala, jene mandelgroße Struktur, die es in jeder Hirnhälfte einmal gibt, entscheidet in Sekundenbruchteilen über Gefahr oder keine Gefahr, lange bevor der bewusste Verstand überhaupt mitbekommt, worum es geht. Über Jahrtausende war das ein gutes Geschäft. Das Problem ist, dass dieses uralte System keinen Begriff von Quartalszielen oder ungelesenen Mails hat und auf eine unangenehme Nachricht mit derselben Maschinerie reagiert, die einmal für echte Lebensgefahr gedacht war. Eine reale Bedrohung und eine bloß ausgedachte kann es nicht auseinanderhalten.
Wie häufig Angst wirklich ist
S. M. ist ein extrem seltener Fall. Das verbreitete Problem ist das Gegenteil, also ein System, das zu oft und beim falschen Anlass anspringt. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Schätzungen für Deutschland gehen davon aus, dass in einem einzigen Jahr etwa fünfzehn Prozent der Erwachsenen die Kriterien einer Angststörung erfüllen, bei Frauen ungefähr doppelt so viele wie bei Männern. Und das sind nur die Fälle, die eine Diagnose bekämen. Die leise Daueranspannung, die so viele kennen und mit der man morgens trotzdem zur Arbeit geht, taucht in keiner Statistik auf.
Nicht jede Angst ist gleich ein Fall fürs Lehrbuch. Vor einer Prüfung Bauchschmerzen zu haben oder vor einer Operation Angst zu empfinden, ist vollkommen gesund und sogar ziemlich nützlich. Heikel wird es erst, wenn die Angst bleibt, obwohl die Gefahr längst vorüber ist, wenn sie in keinem Verhältnis mehr zur Lage steht und anfängt, das Leben enger zu machen. Spätestens wenn du Umwege fährst und Gelegenheiten ausschlägst, nur damit das flaue Gefühl wegbleibt, kippt der einstige Lebensretter ins Gegenteil.
Angst sieht selten nach Angst aus
Das Tückische ist, dass sie nur selten als das auftritt, was sie ist. Im Körper kannst du sie noch am ehesten ertappen: Das Herz schlägt schneller, ohne dass etwas passiert wäre, der Atem wird flach, der Magen meldet sich. Manche spüren sie als Schwindel, andere als verspannten Nacken oder als eine Müdigkeit, gegen die kein Schlaf der Welt ankommt.
Schwerer zu fassen ist sie im Kopf, wo sie sich als Gedankenkarussell tarnt, das sich abends partout nicht abstellen lässt, oder als die zuverlässige Begabung, beim allerschlimmsten Ausgang zu landen, noch bevor irgendetwas entschieden ist.
Am besten versteckt sie sich aber im Verhalten. Da sieht Angst dann aus wie Aufschieberei, weil schon der Gedanke ans Anfangen unangenehm ist. Oder wie schlechte Laune, wenn jemand wegen einer Lappalie aus der Haut fährt. Sie verkleidet sich als Perfektionismus, als das Bedürfnis, ja alles unter Kontrolle zu haben, oder als die Sorte Dauerbeschäftigung, bei der bloß kein stiller Moment entstehen darf. Manchmal ist sie auch dieser leise Rückzug, bei dem man Einladungen absagt und sich einredet, man habe halt gerade keine Zeit. Wer einmal gelernt hat, hinter diese Verkleidungen zu schauen, entdeckt die Angst an den unmöglichsten Stellen.
Der Körper redet mit
Angst ist nie eine reine Kopfsache. Am deutlichsten sieht man das beim Schlaf. Eine durchwachte Nacht macht die Amygdala am nächsten Tag merklich reizbarer, ihre Alarmschwelle sinkt, und auf einmal genügt eine Kleinigkeit. Dummerweise sorgt die Angst ihrerseits dafür, dass man nachts wachliegt. So schaukeln sich beide gegenseitig hoch, bis man irgendwann nicht mehr weiß, was zuerst da war.
Auch das Essen redet mit, meistens ohne dass man es bemerkt. Sackt der Blutzucker ab, fühlt sich das verblüffend ähnlich an wie Angst, inklusive Zittern und Herzklopfen. Koffein legt noch eine Schippe körperliche Aufregung obendrauf und kann eine Panik geradezu anheizen. Alkohol beruhigt am Abend und rächt sich ein paar Stunden später, wenn das Nervensystem gegensteuert und einen mitten in der Nacht hellwach und nervös zurücklässt.
Dazu kommt die andere Seite: Bewegung baut Stresshormone ab, und über den Atem hast du eine erstaunlich direkte Fernbedienung fürs Nervensystem. Damit lässt sich Angst natürlich nicht auf Schlaf und Kaffee herunterrechnen. Der Körper bleibt aber ein Hebel, an den du auch dann noch rankommst, wenn die Gedanken sich kein bisschen beruhigen lassen.
Was selbst S. M. das Fürchten lehrte
Die Geschichte von S. M. hat übrigens einen zweiten Akt, und der ist fast noch verblüffender. Jahrelang galt sie als die Frau, die sich mit nichts erschrecken ließ. Dann ließ das Team um den Neurowissenschaftler Justin Feinstein sie 2013 ein einziges Mal tief aus einer Maske einatmen, durch die ein Gemisch mit 35 Prozent Kohlendioxid strömte. Ein einziger Atemzug davon erzeugt im Körper für kurze Zeit das Gefühl zu ersticken. S. M. riss sich die Maske vom Gesicht, rang nach Luft und rief, sie bekomme keine Luft. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlebte sie Panik. Zwei weiteren Patienten ohne Mandelkerne ging es genauso.
Damit war eine jahrzehntealte Gewissheit dahin. Für Furcht braucht es offenbar nicht zwingend die Amygdala. Bedrohungen von außen, eine Spinne oder ein dunkler Parkplatz, laufen über sie. Ein Alarm, der tief im Körper selbst ausgelöst wird, etwa das Signal von zu wenig Luft, findet einen ganz anderen Weg ins Bewusstsein. Wer Panikattacken kennt, ahnt, warum das mehr ist als eine Laborkuriosität. Eine Panikattacke ist oft genau das: Der Körper feuert wegen eines harmlosen inneren Signals, eines schnelleren Herzschlags vielleicht oder eines kurzen Schwindels, die volle Alarmreaktion ab, und der Kopf liefert die erschreckende Erklärung erst hinterher. Genau deshalb lässt sich Panik auch über den Körper wieder einfangen, etwa über den Atem, der dem System signalisiert, dass gerade niemand erstickt.
Was tatsächlich hilft
Der unspektakulärste Trick zuerst, weil er erstaunlich gut funktioniert: die Angst benennen. Wer sich in dem Moment innerlich sagt »Aha, das ist gerade Angst, sonst nichts«, schiebt einen kleinen Spalt zwischen sich und das Gefühl. Das wirkt fast zu simpel, lässt sich aber sogar im Hirnscanner nachweisen: Schon das Benennen einer Emotion dämpft ihre Wucht.
Dann die unglamouröse Basis, die man so gern überspringt, weil sie nach Gesundheitsbroschüre klingt: genug Schlaf, etwas Bewegung und ehrlich gesagt auch ein realistischer Blick darauf, wie viel Kaffee und Wein da gerade durch den Tag laufen. Für den Atem reicht eine einzige Regel: länger aus- als einatmen. Wenn du ein paar Minuten lang etwa vier Sekunden einatmest und sechs Sekunden ausatmest, geht die Erregung spürbar runter.
Am meisten hilft ausgerechnet das Unbequemste, nämlich gegen das eigene Vermeiden anzugehen. Angst wird größer, je konsequenter man ihr ausweicht, denn jedes Ausweichen ist für das Gehirn der Beweis, dass die Gefahr echt gewesen sein muss. Der Ausweg führt also genau andersherum, in winzigen Schritten auf das zu, was unangenehm ist. Das muss nichts Großes sein; der ewig aufgeschobene Telefonanruf, einfach mal geführt, ist schon ein Anfang.
Irgendwann ist allerdings der Punkt erreicht, an dem Selbsthilfe nicht mehr ausreicht. Wenn die Angst über Wochen bleibt, den Alltag spürbar einschränkt, in Panikattacken kippt oder dazu führt, dass man sein halbes Leben um lauter Vermeidung herum baut, dann lohnt sich professionelle Hilfe. Angststörungen lassen sich gut behandeln, und gerade die Verhaltenstherapie hat hier eine bemerkenswert gute Bilanz. Sich Unterstützung zu holen, ist dabei eine der vernünftigsten Sachen, die man überhaupt machen kann.
Eine Übung für die kommende Woche
Schnapp dir für ein paar Tage ein Notizbuch oder die Notiz-App und beobachte deine eigene Angst, als wärst du ein neugieriger Reporter. Jedes Mal, wenn sie hochkommt, hältst du kurz fest: Was hat der Körper gemacht? Welcher Gedanke war gerade da? Und notier nebenbei die Eckdaten des Tages mit, die man so leicht übersieht: wie du geschlafen hast, was und wann du gegessen hast, wie viel Kaffee dabei war, ob du dich bewegt hast. Und später, mit etwas Abstand: Ist das, wovor dir graute, am Ende wirklich eingetreten?
Du musst dabei gar nichts wegtherapieren. Es reicht, Material über dich selbst zu sammeln. Nach ein paar Tagen tauchen Muster auf: bestimmte Situationen, wiederkehrende Gedanken, und nicht selten ein Zusammenhang mit einer kurzen Nacht, einer ausgelassenen Mahlzeit oder der dritten Tasse Kaffee. Und ziemlich sicher fällt dir auf, wie selten die Katastrophe, die deine Angst so dringend ankündigt, tatsächlich eintritt. Das alles ist das Rohmaterial, um sie nach und nach neu zu justieren. Ganz abschaffen willst du sie ohnehin nicht, du hast ja gesehen, wohin das bei S. M. geführt hat.
Quellen
- Feinstein, J. S., Adolphs, R., Damasio, A. & Tranel, D. (2011): The Human Amygdala and the Induction and Experience of Fear. Current Biology 21 (1), 34–38. — Die Fallstudie zu S. M. (University of Iowa) mit Schlangen, Geisterhaus und Horrorfilmen.
- Feinstein, J. S., Buzza, C., Hurlemann, R. et al. (2013): Fear and Panic in Humans with Bilateral Amygdala Damage. Nature Neuroscience 16 (3), 270–272. — Der CO2-Versuch, der bei S. M. erstmals seit Jahrzehnten Panik auslöste.
- Jacobi, F. et al. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH), Robert Koch-Institut. Der Nervenarzt 85 (1), 77–87. — 12-Monats-Prävalenz von Angststörungen: 15,3 % (Frauen 21,3 %, Männer 9,3 %).
- Lieberman, M. D. et al. (2007): Putting Feelings into Words: Affect Labeling Disrupts Amygdala Activity in Response to Affective Stimuli. Psychological Science 18 (5), 421–428. — Zum Effekt des Benennens von Emotionen.
- Yoo, S. S., Gujar, N., Hu, P., Jolesz, F. A. & Walker, M. P. (2007): The Human Emotional Brain Without Sleep — a Prefrontal Amygdala Disconnect. Current Biology 17 (20), R877–R878. — Schlafentzug verstärkt die Reaktivität der Amygdala.
- S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“ (2021), AWMF-Registernummer 051-028. — Zur Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie.



