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Vielleicht ist dir in den letzten Tagen auch so ein Satz herausgerutscht: „Jetzt kommt wieder die dunkle Zeit.“ Mit genau dieser Erwartung kam die amerikanische Psychologin Kari Leibowitz als junge Stipendiatin nach Tromsø. Die Stadt liegt weit nördlich des Polarkreises, und von Ende November bis Mitte Januar geht dort die Sonne nicht auf, nur ein paar Stunden Dämmerlicht erhellen dann den Tag. Leibowitz wollte herausfinden, wie die Menschen diese Wochen überstehen.
Viele konnten mit ihrer Frage erstaunlich wenig anfangen. Sie erzählten ihr vom ersten Schnee und vom Skifahren, von Kerzen in den Fenstern und vom Polarlicht. Manche freuten sich regelrecht auf den Winter, und immer wieder fiel dabei das Wort koselig. Es heißt ungefähr gemütlich und meint auch das Zusammensein mit anderen in einem warmen, hellen Raum, während es draußen dunkel ist.
Gemeinsam mit dem norwegischen Psychologen Joar Vittersø befragte Leibowitz später Menschen in Oslo, in der Region Troms und auf Spitzbergen, wie sie auf den Winter blicken. Die beiden wollten zum Beispiel wissen, ob sie das weiche Licht der Wintermonate mögen oder ob sie im Winter oft zu gar nichts Lust haben. Je weiter nördlich die Befragten lebten, desto positiver sahen sie im Schnitt den Winter, und unglücklicher waren sie trotz der längeren Dunkelheit nicht. Wer den Winter positiver sah, war auch zufriedener mit seinem Leben und erlebte mehr positive Gefühle.
Ob die Haltung das Wohlbefinden hebt oder zufriedene Menschen den Winter einfach freundlicher sehen, kann eine einmalige Befragung, auf die nur ein kleiner Teil der Angeschriebenen geantwortet hat, nicht klären. Außerdem mögen Menschen, die nach Spitzbergen ziehen, den Winter vermutlich schon vorher.
Wie eine Haltung den Blick lenkt
Wer morgens im Dunkeln zur Arbeit fährt und erst nach Sonnenuntergang nach Hause kommt, hat wenig davon, wenn ihm jemand rät, die dunkle Jahreszeit einfach positiver zu sehen. Polarlicht gibt es hier selten, und der November bringt öfter Nieselregen als Schnee. Leibowitz hat ihren Fragebogen an die Forschung der Stanford-Psychologin Alia Crum angelehnt, die solche Grundhaltungen Mindsets nennt. Nach Crums Modell wirken sie wie ein Filter, der lenkt, worauf man achtet und was man sich vornimmt.
Wer den Winter vor allem als Zeit sieht, die man hinter sich bringen muss, bemerkt eher das Grau vor dem Bürofenster und sagt am Abend vielleicht die Verabredung ab, weil es draußen schon dunkel ist. Ob sich eine solche Haltung gezielt verändern lässt, hat die Studie nicht untersucht. Viele, die Leibowitz in Tromsø traf, hatten ihren Winter mit Dingen gefüllt, auf die sie sich freuen konnten, auch wenn dort längst nicht jeder dunkle Tag schön ist.
Wenn Erinnerungen wärmen
Wer im Winter Plätzchen nach dem Rezept der Großmutter backt, denkt dabei oft an früher, und das hat womöglich auch mit der Kälte zu tun. Ein Team um die chinesische Psychologin Xinyue Zhou und den Sozialpsychologen Constantine Sedikides von der University of Southampton fand, dass Menschen an kälteren Tagen häufiger nostalgisch werden. Schon ein Raum mit zwanzig statt vierundzwanzig Grad reichte dafür aus.
Die Erinnerung scheint dann auch tatsächlich zu wärmen. Wer sich in ein schönes Erlebnis von früher versetzte, empfand denselben Raum als wärmer. In einem anderen Experiment sollten Teilnehmende eine Hand in eiskaltes Wasser halten, und wer vorher an etwas gedacht hatte, an das er gern zurückdenkt, hielt länger durch als jemand, der sich an etwas Gewöhnliches erinnert hatte.
Nach Studien von Sedikides und seinem Kollegen Tim Wildschut stellt sich Nostalgie oft gerade dann ein, wenn man niedergeschlagen ist oder sich einsam fühlt. Die Erinnerungen drehen sich meist um Menschen, die einem nahestehen, und sie stärken das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein. Die Experimente waren meist klein und fanden mit Studierenden statt, die Befunde sollte man deshalb vorsichtig lesen. Wer an einem kalten Abend alte Fotos durchsieht oder jemanden anruft, mit dem er als Kind Schlitten gefahren ist, kann selbst ausprobieren, was so eine Erinnerung mit ihm macht.
Rituale, die verbinden
Viele der Winterfreuden, von denen Leibowitz in Tromsø hörte, teilte man mit anderen. Die Verhaltensforscherin Ovul Sezer hat mit Kolleginnen und Kollegen untersucht, was gemeinsame Rituale an Feiertagen bewirken, und dafür Menschen nach Weihnachten, Silvester und Ostern befragt.
Wer mit der Familie feste Rituale pflegte, etwa ein bestimmtes Essen, das gemeinsame Auspacken der Geschenke oder den Gottesdienst, fühlte sich der Familie näher und genoss die Feiertage mehr. Vor allem zählte, dass es überhaupt ein festes Ritual gab. Wer ein Ritual hatte, verbrachte Weihnachten auch deutlich häufiger mit der Familie. Ursache und Wirkung lassen sich allerdings auch hier nicht sicher trennen, denn eng verbundene Familien pflegen vermutlich eher Rituale.
Weil feste Rituale jedes Jahr wiederkehren, kann man sich schon lange vorher auf sie freuen. Einen Hinweis darauf, dass Vorfreude etwas ausmacht, liefert eine niederländische Befragung von rund fünfzehnhundert Erwachsenen. Wer eine Reise vor sich hatte, war schon in der Zeit davor glücklicher als Menschen ohne Urlaubspläne. Nach der Rückkehr verschwand der Unterschied meist wieder, selbst nach einem sehr erholsamen Urlaub nach etwa zwei Wochen. Die Forschenden vermuten, dass die Vorfreude dabei eine wichtige Rolle spielt.
In wenigen Tagen ziehen zu Sankt Martin wieder Kinder mit Laternen durch die Straßen, eine Tradition, die viele aus ihrer eigenen Kindheit kennen. Feste Punkte im Winter können auch neu entstehen, etwa ein jährlicher Glühweinabend mit Freunden oder ein Spaziergang durch die beleuchteten Straßen am ersten Advent. Gerade wer allein lebt oder weit weg von der Familie, kann sich so eigene Traditionen schaffen. Auch der dunkle Weg zur Arbeit kann zu so einem festen Punkt werden, etwa mit einem Becher Tee für die Bahn, auf den du dich schon beim Losgehen freust.
Wenn der Winter schwer wird
Eine große Untersuchung mit fast neuntausend Erwachsenen in Tromsø fand im Winter im Schnitt keine höhere psychische Belastung als in anderen Jahreszeiten, nur über Schlafprobleme klagten mehr Menschen. Weil jeweils andere Menschen zu verschiedenen Jahreszeiten befragt wurden, sagt sie allerdings nichts darüber, wie es dem Einzelnen über den Winter ergeht.
Manche trifft die dunkle Jahreszeit deutlich härter. Bei einer Depression mit saisonalem Muster kehren die Beschwerden Jahr für Jahr im Herbst und Winter wieder und halten oft über Wochen bis Monate an. Betroffene sind niedergeschlagen und antriebslos und verlieren die Freude an Dingen, die ihnen sonst wichtig sind. Oft kommen ein großes Schlafbedürfnis, Heißhunger und der Wunsch hinzu, sich zurückzuziehen. Eine Winterdepression lässt sich gut behandeln, etwa mit Psychotherapie, Lichttherapie und, wenn nötig, mit Medikamenten, und eine freundlichere Haltung zum Winter kann das nicht ersetzen.
Übung: Die Winterliste
Nimm dir zehn Minuten und schreib auf, worauf du dich in den kommenden Wochen freuen könntest. Diese Bereiche können dir dabei helfen.
Mit anderen: Lade Freunde oder Familie zum Essen ein oder geh nach der Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen auf den Weihnachtsmarkt. An langen Abenden ist mehr Zeit für Gespräche.
Für dich zu Hause: Nimm dir an einem Abend Zeit für etwas, das im Sommer oft liegen bleibt. Vielleicht malst oder bastelst du wieder wie früher als Kind oder holst das Instrument aus der Ecke.
Auf dem Arbeitsweg: Leg dir für die dunklen Wochen etwas zurecht, das nur auf diese Fahrten gehört, zum Beispiel eine Hörbuchreihe oder eine Playlist, die du sonst nicht hörst.
Draußen: Geh auch in den kalten Monaten bewusst vor die Tür, warm angezogen, am Wochenende bei Tageslicht oder abends unter Sternen. Wenn du danach mit kalten Händen nach Hause kommst, fühlt sich ein Tee oder eine heiße Dusche besonders gut an. Der Physiologe Michel Cabanac hat gezeigt, dass sich Wärme angenehmer anfühlt, wenn der Körper ausgekühlt ist.
Eine Tradition: Überleg dir eine Tradition, die du wieder aufleben lassen oder neu beginnen möchtest, gern auch mit Freunden oder für dich allein.
Trag dir die Dinge von deiner Liste wie Termine in den Kalender, vor allem die Verabredungen mit anderen. So hast du schon in den Tagen davor etwas, auf das du dich freuen kannst. Es dürfen auch kleine Dinge sein, die nur ein paar Minuten dauern. Wenn du an einem Tag keine Lust hast, ist das auch in Ordnung.
Achte außerdem darauf, wie du über den Winter sprichst. Wenn dir ein Satz wie „Schon wieder dunkel“ herausrutscht, frag dich kurz, wofür dieser frühe Abend heute Raum lässt.
Notiere eine Woche lang jeden Abend in einem Satz, wie es dir ging. Danach kannst du überlegen, welche dieser kleinen Dinge du in den nächsten Monaten beibehalten möchtest.
Was würde dir fehlen, wenn es keinen Winter mehr gäbe?
Wenn es mehr ist als ein schwerer Tag: Die Übung ersetzt keine Behandlung. Wenn deine Stimmung über Wochen gedrückt bleibt, sprich mit einer Psychologin oder einem Psychologen bei Mindvise. Ob eine Depression dahintersteckt, sollte deine Hausärztin, dein Hausarzt oder eine psychotherapeutische Praxis abklären. Dort bekommst du auch eine Behandlung, wenn sie nötig ist. In einer akuten Krise erreichst du die TelefonSeelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, im Notfall wählst du die 112.
Quellen
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