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Du liest abends einen Artikel über Bandscheibenprobleme, und am nächsten Morgen meldet sich dein Rücken. Eine Kollegin erzählt von der Grippewelle in ihrer Abteilung, und eine Stunde später kratzt es dir im Hals. Die Beschwerden spürst du wirklich. Offen ist nur, ob sie dir ohne den Artikel oder das Gespräch genauso aufgefallen wären.
Wie weit dieser Einfluss reichen kann, hat ein Forschungsteam am Imperial College London mit Menschen untersucht, die ein wichtiges Medikament abgesetzt hatten. Sie hatten ein Statin genommen, einen weit verbreiteten Cholesterinsenker, der Herzinfarkten und Schlaganfällen vorbeugen soll. Kurz nach Beginn bekamen sie Beschwerden wie Muskelschmerzen, und für sie war klar, dass die Tabletten schuld waren. In der Studie nahmen sie ein Jahr lang monatsweise und in zufälliger Reihenfolge entweder das echte Medikament, Tabletten ohne Wirkstoff, die genauso aussahen, oder gar nichts. Welche Tabletten sie gerade schluckten, wussten sie nicht.
Mit den Scheintabletten hatten sie fast genauso starke Beschwerden wie mit dem Statin. Manche hörten zwischendurch auf, weil die Schmerzen zu stark wurden, auch in Monaten, in denen gar kein Wirkstoff in ihren Tabletten war. Ein halbes Jahr nach Ende der Studie nahm die Hälfte das Statin wieder.
Allerdings war die Gruppe klein und bestand nur aus Menschen, die bereits schlechte Erfahrungen mit Statinen gemacht hatten. Die Studie zeigt deshalb nicht, dass Nebenwirkungen grundsätzlich auf Erwartungen beruhen. Wer Beschwerden mit einem Medikament in Verbindung bringt, sollte das mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, bevor er etwas an der Einnahme ändert.
Die Medizin nennt das, was die Teilnehmenden erlebt haben, den Nocebo-Effekt. Er ist das Gegenstück zum Placebo-Effekt: Wer negative Folgen erwartet, kann dadurch tatsächlich Beschwerden entwickeln. Damit stellt sich eine Frage, die weit über Cholesterintabletten hinausgeht. Woher kommen Schmerzen, wenn die Tablette gar keinen Wirkstoff enthält?
Was das Gehirn vorhersagt
Eine Antwort liefert ein Modell, das in der Forschung zur Körperwahrnehmung seit einigen Jahren an Einfluss gewinnt. Danach sagt das Gehirn ständig voraus, was im Körper gerade passieren müsste, und gleicht diese Vorhersage mit den Signalen ab, die tatsächlich ankommen. Der belgische Psychologe Omer Van den Bergh und der Mainzer Psychologe Michael Witthöft haben gemeinsam mit Kollegen beschrieben, was das für körperliche Beschwerden bedeutet. Ein Symptom entsteht nach ihrem Modell aus beidem, aus den Signalen des Körpers und aus den Erwartungen des Gehirns. Meistens passen beide gut zusammen. Je schwächer oder mehrdeutiger ein Signal ist und je stärker die Erwartung, desto mehr bestimmt die Erwartung, was wir spüren. Das leichte Ziehen im Rücken oder das Kratzen im Hals vom Anfang sind genau solche schwachen Signale.
Woher die Erwartung kommt, spielt dabei kaum eine Rolle. Michael Witthöft hat gemeinsam mit James Rubin am King’s College London untersucht, was ein einziger Fernsehbeitrag bewirken kann. Ein Teil der Teilnehmenden sah eine Reportage über angebliche Gesundheitsgefahren durch WLAN, die anderen einen Beitrag über Datensicherheit. Danach saßen alle eine Viertelstunde lang neben einem WLAN-Sender, der in Wirklichkeit ausgeschaltet war. Mehr als die Hälfte berichtete anschließend über Beschwerden, die sie auf das Signal zurückführte, etwa Konzentrationsprobleme. Die warnende Reportage verstärkte die Beschwerden bei denen, die schon zu Beginn ängstlicher waren.
Wie gut wir unseren Körper eigentlich spüren
Man könnte meinen, wer seinen Körper gut kennt, sei vor solchen Täuschungen sicherer. Ein Team um die Neurowissenschaftlerin Sarah Garfinkel an der Universität Sussex ließ Menschen ihren Herzschlag zählen, ohne den Puls zu fühlen, und fragte sie, wie gut sie ihren Körper ihrer Meinung nach wahrnehmen. Beides hing nur lose zusammen. Wer überzeugt war, seinen Körper gut zu kennen, zählte nicht automatisch genauer. Belgische Forschende um Olivier Desmedt fanden außerdem Hinweise darauf, dass viele bei dieser Aufgabe einrechnen, wie viele Schläge zu erwarten wären, etwa weil sie ihren Ruhepuls kennen. Selbst beim Herzschlag spielt also mit hinein, was wir über unseren Körper zu wissen glauben.
Nach dem Modell von Van den Bergh, Witthöft und Kollegen kommt die Aufmerksamkeit hinzu. Wer besorgt in sich hineinhorcht und nach möglichen Beschwerden sucht, bemerkt eher Empfindungen, die zu dieser Sorge passen, und kann sie stärker erleben. Ob Menschen mit besonders feiner Körperwahrnehmung anfälliger für Nocebo-Effekte sind, ist bislang nicht geklärt.
Ein Körpersignal lässt deshalb oft mehr Deutungen zu, als es sich im ersten Moment anfühlt. Ob du den Druck im Kopf, den du nach einer kurzen Nacht ganz real spürst, als Müdigkeit abhakst oder als Warnzeichen verbuchst, hängt auch davon ab, womit du gerechnet hast. Solange diese Erwartung unbemerkt mitläuft, kannst du sie kaum überprüfen.
Übung: Erst spüren, dann deuten
Mit zwei kleinen Schritten kannst du solche Erwartungen sichtbar machen. Im ersten prüfst du gleich jetzt, wie zuverlässig dein Gefühl für den eigenen Herzschlag ist. Den zweiten nimmst du in die nächsten Tage mit, für den Moment, in dem dir eine Körperempfindung Sorgen macht.
Setz dich ruhig hin und zähle eine halbe Minute lang deinen Herzschlag, ohne den Puls zu fühlen und ohne auf die Smartwatch zu schauen. Schätze danach auf einer Skala von null bis zehn ein, wie sicher du dir bist. Fühle anschließend deinen Puls am Handgelenk und zähle eine weitere halbe Minute. Vergleiche beide Zahlen mit deiner Einschätzung. Warst du dir sehr sicher und lagst weit daneben, oder warst du unsicher und lagst nah dran? Das Ergebnis ist kein Gesundheitstest, und eine einzelne Messung sagt wenig aus.
Wenn dir in den nächsten Tagen eine Körperempfindung auffällt, die dich ein wenig beunruhigt, nimm dir eine Minute Zeit, bevor du sie einordnest. Beschreibe für dich in nüchternen Worten, wo genau du sie spürst und ob sie eher drückt oder zieht. Frag dich dann, womit du gerechnet hast und woher diese Erwartung kommt, zum Beispiel von einer kurzen Nacht oder von einem Artikel über eine Krankheit. Notiere beides in zwei, drei Stichworten.
Die Übung ersetzt keine ärztliche Abklärung. Neue, starke oder anhaltende Beschwerden gehören in ärztliche Hände. Bei Warnzeichen wie Brustschmerz, plötzlicher Atemnot, Lähmungen oder Sprachstörungen wähle sofort die 112.
Welche Körperempfindung deutest du fast immer auf dieselbe Weise, und wann hast du diese Deutung zuletzt überprüft?
Quellen
Wood, F. A., Howard, J. P., Finegold, J. A. et al. (2020). N-of-1 trial of a statin, placebo, or no treatment to assess side effects. New England Journal of Medicine, 383(22), 2182–2184. DOI: 10.1056/NEJMc2031173
Van den Bergh, O., Witthöft, M., Petersen, S. & Brown, R. J. (2017). Symptoms and the body: Taking the inferential leap. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 74, 185–203. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2017.01.015
Witthöft, M. & Rubin, G. J. (2013). Are media warnings about the adverse health effects of modern life self-fulfilling? An experimental study on idiopathic environmental intolerance attributed to electromagnetic fields (IEI-EMF). Journal of Psychosomatic Research, 74(3), 206–212. DOI: 10.1016/j.jpsychores.2012.12.002
Garfinkel, S. N., Seth, A. K., Barrett, A. B., Suzuki, K. & Critchley, H. D. (2015). Knowing your own heart: Distinguishing interoceptive accuracy from interoceptive awareness. Biological Psychology, 104, 65–74. DOI: 10.1016/j.biopsycho.2014.11.004
Desmedt, O., Luminet, O. & Corneille, O. (2018). The heartbeat counting task largely involves non-interoceptive processes: Evidence from both the original and an adapted counting task. Biological Psychology, 138, 185–188. DOI: 10.1016/j.biopsycho.2018.09.004



