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Das Gespräch mit der neuen Kollegin lief eigentlich gut. Auf dem Weg nach Hause fällt dir trotzdem ein, dass du sie zweimal unterbrochen hast, und ihr Lachen über deine Bemerkung kommt dir im Nachhinein eher höflich vor. Ein Forschungsteam hat genau diesen Moment untersucht. Nach einem Kennenlerngespräch fragte es beide Beteiligten: Wie sehr mochtest du dein Gegenüber, und wie sehr, glaubst du, mochte es dich? Die Auswertung zeigte ein klares Muster: Im Durchschnitt mochten die Beteiligten ihr Gegenüber stärker, als sie glaubten, selbst gemocht zu werden. Auch die andere Person unterschätzte häufig, wie gut sie angekommen war. Zwei Menschen konnten also dasselbe Gespräch erleben und anschließend beide zu kritisch einschätzen, wie sie aufeinander gewirkt hatten.
Die Psychologin Erica Boothby hat diese Beobachtung 2018 gemeinsam mit Gus Cooney, Gillian Sandstrom und Margaret Clark veröffentlicht und ihr einen Namen gegeben: Liking Gap, die Lücke zwischen dem, wie sehr wir gemocht werden, und dem, wie sehr wir es vermuten.
Was im Gespräch untergeht
Ein Teil der Gespräche wurde gefilmt. Geschulte Beobachter konnten anhand der Aufnahmen recht gut einschätzen, wie sehr die Beteiligten einander mochten. Die Beteiligten selbst unterschätzten dagegen, wie positiv sie beim Gegenüber angekommen waren. Während man spricht, ist ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit mit der eigenen Wirkung beschäftigt, mit dem nächsten Satz, den man sich zurechtlegt, und dem letzten, den man im Stillen noch einmal prüft. Für die Reaktionen des Gegenübers bleibt weniger übrig, als man meint. Je mehr negative Gedanken sich jemand nach dem Gespräch über den eigenen Auftritt machte, desto größer fiel die Lücke aus, und bei schüchternen Menschen war sie besonders deutlich.
Margaret Clark vermutet dahinter eine Form von Selbstschutz. Solange wir nicht sicher wissen, dass uns jemand mag, gehen wir lieber nicht davon aus, weil eine Enttäuschung dann weniger wehtut. Gerade bei neuen Begegnungen kann diese Selbstkritik besonders stark ausfallen.
Im Wohnheim und im Büro
Mit der Zeit verschwindet der Irrtum, allerdings langsam. Boothby und ihr Team begleiteten Studierende im ersten Jahr, die sich eine Wohneinheit im Wohnheim teilten, über ein ganzes akademisches Jahr. Ungefähr zwei Drittel dieser Zeit glaubten sie, von ihren Mitbewohnern weniger gemocht zu werden, als es tatsächlich der Fall war. Erst gegen Ende des Jahres passten Einschätzung und Wirklichkeit zusammen.
Adam Mastroianni hat 2021 mit Cooney, Boothby und Andrew Reece untersucht, ob sich das Muster auch bei der Arbeit zeigt. Es tauchte in einem studentischen Ingenieursteam auf, das wochenlang an einem gemeinsamen Projekt saß, ebenso wie in einer Befragung von knapp 1.900 Berufstätigen. Am größten war die Lücke zwischen Kolleginnen und Kollegen auf derselben Ebene, zwischen Führungskräften und ihren Teams fiel sie kleiner aus. In der Befragung hing ihr Ausmaß außerdem damit zusammen, wie gut die Zusammenarbeit im Team lief. Wer eine Kollegin um Hilfe bittet oder einem Kollegen widerspricht, braucht dafür das Gefühl, dass die anderen ihm grundsätzlich wohlgesonnen sind. Fehlt dieses Gefühl, obwohl es berechtigt wäre, bleibt vieles ungesagt.
Wenn man sich eine Blöße gibt
Dieselbe Strenge gegenüber uns selbst zeigt sich, sobald wir eine Schwäche zeigen. Auch hier geht es um die Frage, wie wir auf andere wirken, nur in einem Moment, in dem wir uns besonders angreifbar fühlen. Anna Bruk hat dazu an der Universität Mannheim gemeinsam mit Sabine Scholl und Herbert Bless sieben Studien durchgeführt. Die Teilnehmenden stellten sich Situationen vor, in denen man sich angreifbar macht, etwa einen Fehler zuzugeben oder um Hilfe zu bitten. Einmal sollten sie an sich selbst denken, einmal an eine andere Person in derselben Lage. Für sich erwarteten die meisten, schwach und unzulänglich zu wirken. Bei der anderen Person bewerteten sie genau dasselbe Verhalten als mutig. Das Muster hielt auch in einer echten Situation, in der den Teilnehmenden tatsächlich etwas Unangenehmes bevorstand. Bruk nannte den Befund Beautiful-Mess-Effekt, weil die eigene Verletzlichkeit von innen wie ein Durcheinander wirkt und von außen eher wie etwas, das man an einem Menschen schätzt.
Die Erklärung hat mit dem Abstand zu tun, aus dem wir eine Situation betrachten. Bei uns selbst sind wir mittendrin und denken in Einzelheiten. Bruk hat das an einem Geburtstag veranschaulicht: Andere organisieren eine Feier, wir selbst laden ein, kaufen ein und backen den Kuchen. In dieser Nahsicht drängen sich die Risiken nach vorn, das betretene Schweigen nach einem Geständnis oder der Blick der Chefin nach einem Fehler. Auf andere schauen wir aus größerer Entfernung, und aus der Entfernung sieht man eher, was ein solcher Moment über einen Menschen aussagt.
Wo die Grenzen liegen
Grenzenlos ist der Effekt nicht. Kerry Roberts Gibson, Dana Harari und Jennifer Carson Marr zeigten 2018, dass Führungskräfte, die gegenüber ihren Mitarbeitenden bestimmte Schwächen offenlegen, unter Umständen an Einfluss verlieren. Wem man was anvertraut, spielt also eine Rolle.
Wer bei der Arbeit um Rat fragt, muss sich dagegen meist keine Sorgen machen. Alison Wood Brooks, Francesca Gino und Maurice Schweitzer fanden 2015 heraus, dass Menschen, die um Rat bitten, kompetenter wirken. Am deutlichsten war das bei schwierigen Aufgaben und dann, wenn jemand die Person direkt um ihre eigene Einschätzung bat.
Wie sich die Lücke verkleinern lässt
In einer Untersuchung von 2022 prüften Bruk und ihr Team in vier Studien, ob Selbstmitgefühl den Beautiful-Mess-Effekt abschwächen kann. Wer mit sich ähnlich nachsichtig umgeht wie mit anderen, bewertete die eigene Verletzlichkeit tatsächlich milder.
Für den Liking Gap wurde das nicht eigens untersucht, es liegt aber nahe, weil beide Effekte auf ähnliche Weise entstehen. Wir beurteilen uns aus nächster Nähe, mit jedem Zögern und jedem missglückten Satz, während andere einen Gesamteindruck mitnehmen, in dem solche Details kaum ins Gewicht fallen. Im Alltag könnten sich die beiden Effekte gegenseitig verstärken. Wer glaubt, wenig gemocht zu werden, scheut möglicherweise gerade jene kleinen Momente der Offenheit, in denen andere ihn besser kennenlernen würden.
Übung: Der Blick von außen
Nimm dir dafür eine Woche und eine Notiz im Handy.
Nach dem nächsten Gespräch, das dir hinterher noch durch den Kopf geht, schreib zwei konkrete Hinweise auf, dass es deinem Gegenüber gefallen hat, zum Beispiel eine Nachfrage oder dass ihr länger geredet habt als geplant. Wenn dir nichts einfällt, heißt das noch nicht, dass das Gespräch schlecht lief. Vielleicht warst du vor allem damit beschäftigt, deine eigene Wirkung einzuschätzen.
Hat sich das Gespräch für dich gut angefühlt, schick der Person eine kurze Nachricht, dass du dich über den Austausch gefreut hast. Erica Boothby rät genau dazu, weil die andere Seite sehr wahrscheinlich ähnlich unsicher ist wie du.
Wenn du magst, kannst du dir zusätzlich eine Frage stellen, sobald du das nächste Mal eine Unsicherheit oder einen Fehler lieber für dich behalten willst: Wie würde ich es finden, wenn eine Kollegin, die ich schätze, genau das offen ansprechen würde?
Bei wem gehst du gerade davon aus, eher geduldet als gemocht zu werden, und was hast du eigentlich beobachtet, das diese Vermutung stützt?
Quellen
Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M. & Clark, M. S. (2018). The liking gap in conversations: Do people like us more than we think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756. DOI: 10.1177/0956797618783714
Mastroianni, A. M., Cooney, G., Boothby, E. J. & Reece, A. G. (2021). The liking gap in groups and teams. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 162, 109–122.
Bruk, A., Scholl, S. G. & Bless, H. (2018). Beautiful mess effect: Self–other differences in evaluation of showing vulnerability. Journal of Personality and Social Psychology, 115(2), 192–205.
Bruk, A., Scholl, S. G. & Bless, H. (2022). You and I both: Self-compassion reduces self–other differences in evaluation of showing vulnerability. Personality and Social Psychology Bulletin. DOI: 10.1177/01461672211031080
Gibson, K. R., Harari, D. & Marr, J. C. (2018). When sharing hurts: How and why self-disclosing weakness undermines the task-oriented relationships of higher status disclosers. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 144, 25–43.
Brooks, A. W., Gino, F. & Schweitzer, M. E. (2015). Smart people ask for (my) advice: Seeking advice boosts perceptions of competence. Management Science, 61(6), 1421–1435.
Hathaway, B. (2018, 4. September). At first meeting, people like you more than you think. Yale News. https://news.yale.edu/2018/09/04/first-meeting-people-you-more-you-think
CNBC Make It (2022, 21. Dezember). People like you more than you think, Harvard and Penn research shows – how to parlay it into workplace success. https://www.cnbc.com/2022/12/21/harvard-penn-psychology-research-people-like-you-more-than-you-think.html



