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An einem dunklen Novembermorgen beginnt der Tag im Vertriebsteam. Die Q4-Ziele müssen dringend erreicht werden, Kundengespräche häufen sich, gleichzeitig steigt der interne Abstimmungsbedarf. Eine Kollegin ist ungewöhnlich still, ein anderer reagiert gereizter als sonst, Führungskräfte versuchen, trotz knapper Personalressourcen den Überblick zu behalten.
Dieses Bild zeigt, was viele Bereiche im Herbst erleben: Der psychologische Druck nimmt zu, während die Energie sinkt.
Ein sensibler Zeitraum mit eigenen Gesetzmäßigkeiten
Mit dem Rückgang des Tageslichts verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Serotonin und Melatonin. Die innere Stabilität wird fragiler, Müdigkeit setzt früher ein, und emotionale Reaktionen stehen näher an der Oberfläche. Diese Veränderungen sind subtil, aber sie beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen und wie viel innere Kraft wir bereitstellen können.
Parallel dazu steigt die Komplexität vieler Arbeitsprozesse. Im Kundenservice wächst das Anfragevolumen, die IT wird von kurzfristigen Projektwünschen überrollt, während im HR Jahresgespräche und Krankmeldungen zusammentreffen. Es ist nicht die Menge der Arbeit, die ungewöhnlich wäre — sondern die Kombination aus organisatorischer Verdichtung und verringerter innerer Belastbarkeit.
Dadurch entsteht ein Zeitraum, in dem Vertrautes intensiver wirkt und gewohntes Handeln mehr Kraft kostet.
Warum dieselbe Aufgabe jetzt schwerer fällt
Die Stressforschung liefert eine klare Erklärung: Belastung entsteht nicht durch die Aufgabe selbst, sondern durch die Bewertung, die wir ihr geben. Und diese Bewertung hängt eng mit unserem inneren Zustand zusammen. Wer müder ist, gereizter oder emotional sensibler, nimmt dieselbe Situation als anspruchsvoller wahr.
Ein kurzer Blick in die IT zeigt das:
Ein kleiner Fehler in einem Ticket, der im Sommer kaum einen Kommentar wert wäre, löst jetzt genervte Rückfragen aus — nicht, weil jemand ungeduldig ist, sondern weil die mentale Toleranz kleiner geworden ist.
Oder im Kundenservice:
Ein neutral formulierter Satz klingt plötzlich wie Kritik, weil die emotionale Grundspannung höher ist.
Die Aufgaben bleiben gleich.
Die Reaktion darauf verschiebt sich.
Emotionale Flexibilität: Die Fähigkeit, die trägt
Emotionale Flexibilität beschreibt die Kompetenz, innere Zustände wahrzunehmen und einzuordnen, ohne sich vollständig von ihnen bestimmen zu lassen. Dieser Ansatz aus der ACT-Forschung (Acceptance and Commitment Therapy) gilt heute als Kern moderner Resilienz.
Es geht nicht darum, Emotionen zu unterdrücken oder positiv umzudeuten.
Es geht darum, das eigene Erleben präzise zu erkennen — und erst dann zu entscheiden, wie man handeln möchte.
Gerade im Herbst macht diese Fähigkeit den Unterschied:
Sie schafft einen Moment der inneren Distanz, in dem klarer wird, ob der Stress aus der Situation stammt oder aus der Jahreszeit.
Sie entlastet Entscheidungen.
Sie entschärft Konflikte, bevor sie entstehen.
Sie schützt vor impulsiven Reaktionen und unnötigen Eskalationen.
Emotionale Flexibilität ist kein heroischer Kraftakt.
Sie ist eine leise Form von Selbstführung, die im Herbst besonders wertvoll wird.
Kognitive Belastung: Warum Missverständnisse häufiger passieren
Mit sinkender Energie nimmt auch die kognitive Flexibilität ab — die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln oder gleichzeitig mehrere Informationskanäle zu verarbeiten. Forschung zeigt, dass Menschen unter saisonaler Erschöpfung:
- reizarmer denken,
- langsamer entscheiden,
- sozial schwieriger interpretieren,
- und verstärkt in dichotomen Bewertungen landen.
Eine kurze Szene aus HR verdeutlicht das:
Eine Rückfrage im Jahresgespräch wirkt plötzlich wie ein Angriff, obwohl sie sachlich gemeint war. Die innere Reizbarkeit verändert die Interpretation von Sprache.
Oder im Projektmanagement:
Ein schlanker Abstimmungsprozess dehnt sich, weil der mentale Puffer für Komplexität kleiner geworden ist.
Diese Phänomene sind keine Frage persönlicher Kompetenz — sie sind Ausdruck saisonaler Belastung.
Warum Belastungen im Herbst oft unsichtbar bleiben
Besonders in hybriden und digitalen Arbeitsformen bleibt ein Großteil der Herbstbelastung unsichtbar. Kameras bleiben häufiger aus, Menschen sprechen weniger, obwohl sie innerlich müde sind. Die Erschöpfung zeigt sich nicht in Verhalten, sondern im Rückzug.
Ein Kollege wirkt konzentriert, obwohl er innerlich abschaltet.
Eine Kollegin klingt unbeteiligt, obwohl sie eigentlich überlastet ist.
Der Herbst macht Belastungen still — und gerade dadurch entstehen Missverständnisse.
Warum emotionale Flexibilität jetzt der zentrale Faktor ist
- Emotionale Flexibilität hilft, innere Reaktionen einzuordnen, bevor daraus Verhalten wird.
- Sie schafft Klarheit darüber, ob eine Anstrengung aus der Aufgabe entsteht — oder aus der eigenen aktuellen Verfassung.
- Sie erlaubt, eine Pause einzulegen, statt eine Eskalation zu produzieren.
- Sie ermöglicht, abends abzuschalten, statt gedanklich weiterzukämpfen.
Sie ist keine Technik, sondern eine Haltung:
die Bereitschaft, sich selbst genau zu beobachten, bevor man handelt.
Fazit: Was der Herbst uns wirklich zeigt
Wenn Anfang November das Licht spät kommt und früh wieder geht, beginnt oft auch im Inneren eine ruhigere, empfindlichere Zeit. Teams erleben sie gemeinsam, auch wenn niemand sie ausspricht. Gespräche werden knapper, Reaktionen etwas schärfer, Entscheidungen anstrengender.
Doch diese Phase ist kein Defizit — sie ist ein Hinweis.
Sie zeigt, wie eng unser inneres Erleben mit äußeren Bedingungen verbunden ist.
Sie macht sichtbar, dass Resilienz kein Maß an Stärke ist, sondern an Genauigkeit.
Sie erinnert daran, dass emotionale Flexibilität eine Form von Klarheit ist, nicht von Kontrolle.
Und vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieser Jahreszeit:
Der Herbst verlangt nicht mehr Kraft — sondern mehr Feinfühligkeit im Umgang mit sich selbst.
Quellen
- Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience. American Psychologist
- Hayes, S. C., Strosahl, K., & Wilson, K. (2012). Acceptance and Commitment Therapy
- Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping
- Kalisch, R., Müller, M., & Tüscher, O. (2015). Neurobiology of resilience
- Southwick, S. M., & Charney, D. S. (2018). Resilience: The Science of Mastering Life’s Greatest Challenges
- Hölzel, B. et al. (2011). Mindfulness practice and brain structure
- Tugade, M. M., & Fredrickson, B. (2004). Positive emotions and resilience



