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Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie schreibt Texte, entwirft Bilder, beantwortet Mails, analysiert Daten und simuliert Gespräche. Im Arbeitsalltag wird sie zur ständigen Begleiterin – leise, effizient, oft beeindruckend. Doch während die Technologie immer klüger wird, stellt sich eine stille, psychologisch bedeutsame Frage:
Was macht KI eigentlich mit uns?
Wie verändert sie unser Denken, unsere Kreativität, unsere emotionale Balance?
Zwei aktuelle Studien – eine zur Auswirkung von KI auf Kreativität, eine zu ihren Risiken im psychischen Gesundheitsbereich – geben darauf überraschend menschliche Antworten.
Wenn die Maschine klüger wirkt – und wir uns kleiner fühlen
Eine Forschungsgruppe um Angela Faiella und Aleksandra Zielińska hat kürzlich untersucht, wie sich Menschen fühlen, wenn sie kreative Aufgaben mit Unterstützung von KI lösen. Das Ergebnis ist ernüchternd:
Obwohl die Ergebnisse objektiv oft besser waren, fühlten sich die Teilnehmenden subjektiv weniger kreativ, wenn sie die KI benutzt hatten.
Das bedeutet: Wir produzieren effizienter, aber erleben uns dabei weniger als schöpferisch.
Psychologisch ist das bedeutsam. Denn unser Gefühl von Kreativität hängt nicht nur vom Ergebnis ab, sondern von der Erfahrung, etwas selbst zu schaffen – zu ringen, zu zweifeln, zu gestalten. Wenn ein Tool diesen Prozess übernimmt, bleibt das Endprodukt zwar beeindruckend, aber es berührt uns weniger.
Man könnte sagen: KI nimmt uns nicht nur Arbeit ab, sie nimmt uns auch den Stolz über die Arbeit.
Im Unternehmenskontext kann das subtile Folgen haben. Mitarbeitende berichten zunehmend, dass ihre Arbeit „austauschbar“ wirkt, dass sie sich eher als ausführend denn als gestaltend erleben. Die eigene Leistung scheint schwerer messbar, wenn ein Algorithmus denselben Job in Sekunden erledigt.
Das kann langfristig die Selbstwirksamkeit untergraben – also das Vertrauen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.
Selbstwirksamkeit gilt als zentraler Schutzfaktor für psychische Gesundheit. Wenn sie sinkt, steigt das Risiko für Stress, Erschöpfung und emotionale Entfremdung.
Warum das Gefühl von Kontrolle so entscheidend ist
Im Gehirn gibt es ein feines Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Neugier. Wir brauchen Routinen, um sicher zu sein, und neue Impulse, um uns lebendig zu fühlen. KI-Systeme verändern genau dieses Gleichgewicht: Sie nehmen uns Entscheidungsprozesse ab – oft zu unserem Vorteil –, aber damit auch die kleinen Momente von Autonomie, in denen wir uns als handelnd erleben.
Im Arbeitskontext kann das bedeuten: Wir optimieren, statt zu gestalten. Wir prüfen Ergebnisse, statt selbst zu experimentieren. Wir reagieren, statt zu initiieren.
Langfristig führt das zu einem psychologisch paradoxen Zustand: hoher Effizienz bei sinkender Sinnwahrnehmung.
Wenn KI im Gesundheitskontext gefährlich wird
Noch heikler wird es, wenn KI dort eingesetzt wird, wo Menschen besonders verletzlich sind – in der psychischen Gesundheitsversorgung. Forschende der Stanford University untersuchten, wie KI-Systeme auf sensible Themen wie Depression, Angst oder Suizidgedanken reagieren.
Das Ergebnis: erschreckend uneinheitlich. Einige Chatbots reagierten empathisch, andere bagatellisierten Probleme oder gaben sogar riskante Ratschläge. Besonders auffällig war, dass manche Systeme psychische Erkrankungen stigmatisierten – etwa Menschen mit Schizophrenie oder Alkoholabhängigkeit negativer bewerteten als solche mit Depressionen.
Das zeigt: Auch wenn KI beeindruckend wirken mag, versteht sie uns nicht. Sie erkennt Muster, aber nicht Bedeutung. Sie kann Mitgefühl simulieren, aber nicht fühlen.
Wenn Mitarbeitende in schwierigen Lebensphasen also mit KI-gestützten Tools experimentieren – sei es aus Neugier oder Einsamkeit –, kann das riskant werden. Falsche Empfehlungen oder das Fehlen echter Resonanz können das Gefühl der Isolation verstärken.
Das psychologische Dilemma: Vertrauen in etwas, das uns nicht versteht
Menschen neigen dazu, Maschinen zu vermenschlichen. Wenn ein Chatbot freundlich formuliert oder scheinbar „zuhört“, entsteht schnell Vertrauen. Doch dieses Vertrauen basiert auf einer Illusion: auf der Projektion unserer Empathie in ein System, das keine Emotionen hat.
Psychologisch kann das zu Enttäuschung führen – oder, schlimmer noch, zu emotionaler Abhängigkeit. Das Gehirn reagiert auf menschliche Sprache und Rückmeldung mit denselben Mechanismen wie in echten Beziehungen. Fehlt aber das echte Gegenüber, entsteht ein emotionales Vakuum.
In der Arbeitswelt ist das besonders relevant: Wenn Führung, Feedback oder Unterstützung zunehmend automatisiert werden, droht ein Verlust zwischenmenschlicher Wärme – einer der wichtigsten Schutzfaktoren gegen Stress.
Was wir aus psychologischer Sicht brauchen
KI ist weder gut noch schlecht – sie ist ein Verstärker. Sie spiegelt, wie bewusst wir sie nutzen. Wenn sie uns überfordert, liegt das selten an der Technik, sondern daran, dass wir den inneren Kompass verlieren.
Im Unternehmenskontext bedeutet das:
- Bewusstsein schaffen: Mitarbeitende sollten verstehen, wie KI ihre Wahrnehmung, Motivation und Selbstwirksamkeit beeinflusst.
- Räume für echte Kreativität erhalten: KI kann Routinearbeit erleichtern – aber sie darf nicht den Platz für originäres Denken verdrängen.
- Emotionale Kompetenz fördern: Wer versteht, wie Vertrauen, Empathie und Resonanz wirken, erkennt schneller, wann KI an ihre Grenzen stößt.
- Führung neu denken: Echte menschliche Rückmeldung, Wertschätzung und Anerkennung sind wichtiger denn je – gerade, wenn Prozesse automatisiert werden.
Wie wir psychisch gesund mit KI umgehen können
- Reflektiere regelmäßig deinen Umgang mit KI.
Nutzt du sie, um dich zu entlasten – oder um dich zu ersetzen? - Werde wieder Teil des Prozesses.
Lass KI Ideen liefern, aber entwickle sie selbst weiter. Das stärkt dein Gefühl von Gestaltungskraft. - Sprich offen über Überforderung.
Wenn du merkst, dass dich die ständige Automatisierung unter Druck setzt, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis auf gesunde Selbstwahrnehmung. - Nutze KI nicht für emotionale Regulation.
KI kann informieren, aber nicht trösten. In Stressphasen helfen echte Gespräche – nicht synthetische Antworten. - Bleibe neugierig, aber kritisch.
Technologie soll inspirieren, nicht betäuben. Frag dich: Macht mich das lebendiger – oder passiver?
Ein neues Gleichgewicht
Die größte Herausforderung der Zukunft liegt nicht darin, KI zu stoppen, sondern sie menschlich zu integrieren. Das heißt: Technologie nutzen, ohne sich selbst zu verlieren.
KI kann ein Spiegel sein – für unsere Sehnsucht nach Effizienz, Kontrolle und Perfektion. Aber sie erinnert uns auch daran, dass wahre Kreativität, Empathie und Sinn aus Unvollkommenheit entstehen.
Vielleicht besteht die Aufgabe unserer Zeit darin, beides zu vereinen: die Präzision der Maschine und die Tiefe des Menschen. Denn nur dann wird Fortschritt nicht zu Entfremdung – sondern zu Entwicklung.
Quellen
- Faiella, A., & Zielińska, A. (2024). Do AI tools undermine our sense of creativity? New study says yes. Veröffentlicht auf PsyPost.org
- Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence (2024). Exploring the dangers of AI in mental health care. Veröffentlicht auf hai.stanford.edu



